SLEAFORD MODS The Demise of Planet X
SLEAFORDS MODS zeichnen das Ende der Gewissheiten mit scharfem Witz und spürbarer Ermüdung nach. Das Album erweitert den Sound, ohne den Kern zu verleugnen, und konfrontiert Wut mit Selbstbefragung. Zwischen politischer Satire, persönlicher Öffnung und kontrollierter Überzeichnung entsteht ein vielschichtiges Bild der Gegenwart.
Sleaford Mods haben sich über anderthalb Jahrzehnte als Chronisten des britischen Alltags etabliert: Jason Williamson’s verbale Salven, Andrew Fearn’s minimalistische Elektronik. „The Demise of Planet X“ setzt diese Linie fort, erweitert sie klanglich und riskiert inhaltlich mehr Nähe. Das Album wirkt wie ein Dokument fortgesetzter Reibung mit einer Gegenwart, die weniger durch spektakulären Kollaps auffällt als durch zähe, nervende Dauerkrisen. Die historische Stärke des Duos lag stets im Reduktionismus. Hier wird dieser Kern nicht aufgegeben, sondern mit zusätzlichen Texturen konfrontiert.
Der visuelle Auftritt des Albums verschärft diese Lesart. Die inszenierte Künstlichkeit der Pose, leicht grotesk überzeichnet, verweist auf ein Selbstbild zwischen Müdigkeit und Trotz. Diese Spannung prägt auch die Musik: kontrollierte Übertreibung statt spontaner Explosion. Der Opener „The Good Life“ nutzt die Stimmen von Gwendoline Christie und Big Special nicht als Gimmick, sondern als theatrale Spiegelung innerer Konflikte. Die Frage nach der eigenen Rolle im permanenten Kulturkampf wird hier erstmals offen gestellt. Dieser Ansatz trägt, weil er sich nicht im Effekt erschöpft.
Musikalisch öffnet sich das Album hörbar. „Double Diamond“ arbeitet mit einer fast filmischen Weite, die frühere Lo-Fi-Grenzen überschreitet. „Elitest G.O.A.T.“ mit Aldous Harding verbindet spröde Basslinien mit schillernder Melodik und entlarvt den Kult um Exklusivität als hohle Pose. „Flood the Zone“ zitiert Werbesprache und politische Verrohung mit bitterer Präzision, eine Zeile wie „This Domestos kills all germs“ sitzt, weil sie Werbeversprechen und Zynismus kurzschließt. Die Kollaborationen erweitern das Spektrum, führen aber nicht immer zu neuer Dringlichkeit. „No Touch“ überzeugt durch die Reibung zwischen Williamson’s Nüchternheit und Sue Tompkins’ kantiger Stimme. Andere Beiträge wie „Kill List“ bleiben funktional, wirkungsvoll im Moment, weniger nachhaltig im Gedächtnis.
Inhaltlich schwankt das Album zwischen scharfer Analyse und dokumentierter Erschöpfung. „Gina Was“ öffnet einen selten verletzlichen Raum, der ernst genommen wird, ohne in Sentimentalität zu kippen. Am Ende mit „The Unwrap“ steht keine Katharsis, sondern ein müdes Weiterfunktionieren. Diese Ehrlichkeit wirkt glaubwürdig, nimmt dem Album jedoch auch einen Teil seiner früheren Schlagkraft. Die Vielzahl an Themen, Stimmen und Stilen erzeugt Breite, schwächt die dramaturgische Zuspitzung. „The Demise of Planet X“ ist ambitioniert, klug produziert und textlich scharf, verliert sich aber stellenweise in Verwaltung des eigenen Furors.
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