Shed – Oderbruch

In der elektronischen Musik klingt es zuweilen sehr interessant, wenn die Vergangenheit dekonstruiert wird, Klänge und Stimmungen nur so davon strotzen und ein Mann dahinter steht, der als einer der reizvollsten Innovatoren der Szene gilt. Die Rede ist von Shed, der deutsche Künstler René Pawlowitz präsentiert uns mit „Oderbruch“ sein bisher zugänglichstes Nostalgie-Album. Außerhalb Deutschlands haben die meisten Menschen wahrscheinlich noch nichts vom Oderbruch gehört. Dieses ehemalige Sumpfgebiet an der polnischen Grenze wurde im 18. Jahrhundert von dem preußischen König Friedrich dem Großen trocken gelegt.

Ein Jahrhundert später war die Region Schauplatz monatelanger intensiver Kämpfe am Ende des Zweiten Weltkriegs, darunter einer der letzten Kämpfe des Naziregimes in der Schlacht um die Seelower Höhen, dem größten Großkampf auf deutschem Boden. Auf demselben Boden ist René Pawlowitz geboren und aufgewachsen. Seine Familie ist seit Generationen im Oderbruch ansässig und Pawlowitz selbst pendelt weiterhin zwischen Berlin und dem größtenteils ländlichen Gebiet, in dem er aufgewachsen ist. Offensichtlich fühlt er sich der Region so verbunden, dass er seine neueste Veröffentlichung danach benannt hat.

Auch die einzelnen Titel nehmen Bezug darauf und haben sich von der Gegend und den Landschaften inspirieren lassen. “What binds you to places? To remembering them”, Pawlowitz postuliert. “Places you can feel, when you feel at home. Places that affirm your very existence. This place for me is the Oderbruch. This album is dedicated to it.” So hören wir mit „Nacht, Fluss, Grille, Auto, Frosch, Eule, Mücke“ einen wunderschönen Ambient-Track und fühlen in „Sterbende Alleen“, „Trauernde Weiden“ und „Das Bruch“ Synthesizer, die uns wie wärmende Sonnenstrahlen berühren und erleben Instrumentierungen, die lebendiger und orangischer wirken als jemals zuvor.

Es ist bemerkenswert, dass Shed in der elektronischen Musik einen unverwechselbaren Klang erzeugen konnte, und zwar nicht nur durch funktionale Clubmusik, sondern auch durch eine instinktive Art, emotionale Melodien mit extremen Beats in Einklang zu bringen. „Oderbruch“ ist so viel mehr als nur eine bloße Nostalgieübung und präsentiert uns filmische Momente voller Emotionen und Gefühle, als auf irgendeiner früheren Platte zuvor.