PORTUGAL. THE MAN SHISH
PORTUGAL. THE MAN entfachen auf SHISH ein kaltes, wild flackerndes Feuer aus Lärm, Erinnerung und Eskapismus und verwandeln ihre Rückkehr zur Unabhängigkeit in ein existenzielles Klangexperiment zwischen Zorn, Spiritualität und nordischer Kälte.
Seit fast zwanzig Jahren jagen Portugal. The Man ihren eigenen Gespenstern hinterher. Mal in der Pose einer psychedelischen Folkband, mal als Hitmaschine, die mit „Feel It Still“ die Charts überrollte. Mit „SHISH“ ist nun ein radikaler Schnitt erfolgt: John Gourley und Zoe Manville kehren nicht nur dem Major-Label den Rücken, sondern auch dem eigenen Pop-Instinkt. Das Album, aufgenommen im heimischen Studio in Alaska, trägt den Geruch von Metall, Schweiß und altem Schnee. Es klingt wie das Produkt einer Befreiung, das sich weigert, angenehm zu sein.
Bereits „Denali“ öffnet mit Bläsern, die eher stürzen als spielen, und Gitarren, die klingen, als wären sie unter Eis gefangen. Gourley’s Stimme, immer noch dieser merkwürdige Hybrid aus Verletzlichkeit und Arroganz, gleitet darüber hinweg, bis sie im Refrain zerbricht. „Pittman Ralliers“ wirft sich mit brutaler Direktheit in den Abgrund: Geschrei, Störgeräusche, ein Rhythmus, der wie ein Schneesturm tobt. Nichts daran klingt nach Pop, alles nach Rebellion. In „Angoon“ mischt sich Nostalgie in den Aufruhr. Hier taucht das erste Mal so etwas wie Melodie auf, eine hymnische Erinnerung an vergangene Identitäten, die Gourley längst hinter sich gelassen hat.
Das Titelstück „Shish“ verschachtelt Stimmen, Beats, Bläser, Noise-Schichten zu einem unruhigen Ritual. Es ist ein Song, der sich gegen jede Erwartung sträubt, unzugänglich und doch magnetisch. „Tyonek“ und „Knik“ bauen aus Gitarren und elektronischem Flimmern fragile Brücken, die sofort wieder einstürzen. Wo frühere Alben Struktur suchten, regiert hier der Zufall. Produzent Kane Ritchotte lässt bewusst Ecken stehen, lässt Hall und Verzerrung atmen, als wolle er beweisen, dass Schönheit nur im Unfertigen existiert.
Das Cover zeigt einen in Pelz gehüllten Jäger, der über einer erlegten Robbe kauert. Es ist ein hartes, fast dokumentarisches Bild, das sich mit der Musik spiegelt: Überleben als Akt der Kunst. „SHISH“ ist roh, widersprüchlich, gelegentlich unausstehlich – aber nie belanglos. Wo andere Bands nostalgisch werden, zieht Portugal. The Man eine Spur durch den Frost. Sie geben keine Antworten, nur Geräusche, die wie Warnsignale wirken. „Feel nothing“, singt Gourley am Ende. Ein Satz, der sich wie ein Gegenbekenntnis zur Pop-Vergangenheit liest. „SHISH“ friert Gefühle ein, um sie später wieder aufzutauen. Es ist kein Album zum Mögen, sondern zum Aushalten.
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