NINA HAGEN Nina Hagen
Schrille Ekstase und sakraler Ernst bestimmen das neue Werk, in dem NINA HAGEN zwischen Broadway-Pomp und spiritueller Tiefe eine radikale künstlerische Neupositionierung vornimmt. Die einstige Punk-Ikone sprengt hier jede Genre-Grenze und fordert ihr Publikum durch einen ständigen Wechsel der Identitäten heraus.
Die Entscheidung für das nackte Cover-Portrait, bei dem das Gesicht hinter groben schwarzen Kritzeleien und einem weißen Balken über den Augen fast verschwindet, markiert eine radikale Abkehr vom Starkult. Diese visuelle Selbstauslöschung korrespondiert mit der musikalischen Strategie des Albums, in der die Künstlerin zwar omnipräsent ist, sich aber permanent hinter Rollen und Zitaten versteckt. Das Cover verweigert den direkten Blick und damit die bürgerliche Authentizität, während die Musik genau diesen Bruch zwischen öffentlicher Pose und künstlerischer Intimität in jedem Takt zelebriert.
Nina Hagen operiert auf diesem selbstbetitelten Werk als eine Art Kuratorin ihres eigenen Wahnsinns. Die Musik erscheint hier nicht als organisch gewachsene Suite, sondern als eine strategische Setzung von Kontrasten, die uns bewusst aus der Komfortzone der Pop-Rezeption drängen soll. Wo frühere Aufnahmen noch den rauen Geist des Punk atmeten, herrscht nun eine hochglanzpolierte, fast klinische Produktionsästhetik vor, die von Zeus B. Held mit kühler Präzision umgesetzt wurde. Diese klangliche Glätte dient als notwendige Reibungsfläche für eine Stimme, die sich längst von konventionellen Songstrukturen emanzipiert hat.
Die Einbeziehung von Gästen wie Lene Lovich oder Lemmy in “Where’s the Party” wirkt dabei weniger wie eine freundschaftliche Kollision, sondern wie eine bewusste Verortung im Pantheon der Außenseiter. Das Album nutzt diese Allianzen, um eine ästhetische Festung zu errichten, die sich dem Zugriff des Massengeschmacks entzieht. Wenn in “Live on Mars” Sanskrit-Verse auf synthetische Flächen treffen, wird die spirituelle Suche als strukturelles Element begreifbar, das die weltliche Hektik der vorangegangenen Stücke konterkariert. Die Lyrics fungieren dabei als argumentative Spitzen, etwa wenn in “Dope Sucks” kurz und schmerzlos konstatiert wird: „Dope sucks / It’s a fact“.
Diese Reduktion auf die Essenz einer Botschaft steht im krassen Gegensatz zur barocken Überfülle der “Ave Maria”-Interpretation. Hier erreicht die strategische Neuausrichtung ihren Kulminationspunkt. Nina Hagen nutzt die sakrale Vorlage nicht zur Parodie, sondern als Raum für eine stimmliche Disziplin, die man ihr nach den Eskapaden der letzten Jahre kaum mehr zugetraut hätte. Das Album endet somit nicht in der Auflösung, sondern in einer fast beängstigenden formalen Strenge, die das bisherige Werk als bloße Vorbereitung erscheinen lässt.
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