NINA HAGEN Fearless
NINA HAGEN’s neues Werk FEARLESS bricht mit radikaler Kühle durch die neonfarbene Oberfläche des Dance-Pop. Die Produktion von Giorgio Moroder transformiert die einstige Punk-Ikone in eine schillernde Kunstfigur zwischen Berliner Schnauze und internationalem Club-Parkett.
Auf dem Cover von “Fearless” begegnet uns Nina Hagen in einer dreifachen, fast mechanischen Multiplikation, die jede Form von bürgerlicher Authentizität zugunsten einer radikalen Theatralik opfert. Die Posen sind nicht Ausdruck eines inneren Zustands, sondern Zeichen in einem Spiel um künstliche Identitäten, die sich perfekt in das synthetische Gefüge der Musik einpassen. Diese visuelle Überzeichnung korrespondiert mit der neuen stimmlichen Disziplin, die sich in den tighten, von Giorgio Moroder und Keith Forsey entworfenen Rhythmusgerüsten behaupten muss.
Die Transformation vollzieht sich über eine strikte Unterordnung der Stimme unter die Gesetze des Dancefloor-Funks. Wo früher anarchische Ausbrüche den Raum dominierten, herrscht nun eine kalkulierte Extravaganz. In “New York New York” agiert Nina Hagen als scharfsinnige Beobachterin einer nächtlichen Metropole, wobei ihr Sopran nur noch als punktueller Effekt in das urbane Geflecht aus Bassläufen und Synthesizer-Flächen eingreift. “New York City is a place so nice / Everybody says it so they had to name it twice”, lautet die lakonische Bestandsaufnahme, die eher kühle Distanz als euphorische Hingabe vermittelt.
Diese strategische Neuausrichtung manifestiert sich besonders in der Integration zeitgenössischer Strömungen wie dem Hip-Hop, der in “What It Is” auf die Funk-Expertise von Musikern wie Flea trifft. Die Musik fungiert hier nicht als autonomes Kunstwerk, sondern als konsequente Setzung innerhalb eines globalen Pop-Diskurses, der die Grenzen zwischen Underground und Mainstream mutwillig verwischt. Die Künstlerin nutzt das Genre als Maskerade, um ihre spirituellen und politischen Sujets in ein glitzerndes Gewand zu hüllen, das uns gleichermaßen verführt wie irritiert.
Den Abschluss bildet mit “Zarah” eine bemerkenswerte Dekonstruktion des deutschen UFA-Erbes. Die Verbindung von operettenhaften Elementen mit den unerbittlichen Impulsen der Disco-Musik verdeutlicht die ästhetische Konsequenz dieses Albums, das die eigene Vergangenheit als Trümmerhaufen begreift, aus dem neue, hybride Formen entstehen. Nina Hagen hat sich mit diesem Werk endgültig von der Erwartungshaltung der Punk-Ära emanzipiert und eine Position bezogen, die ihre künstlerische Überlebensfähigkeit im digitalen Jahrzehnt sichert.
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