Nick Cave + Warren Ellis – CARNAGE

“We won’t get to anywhere, darling, any time this year,” krächzt NICK CAVE inmitten eines klangvollen Klaviers, schwimmender Orchestersynths und körperloser schwebender Geigen, die von einem gespenstischen Chor getragen werden. “We won’t get to anywhere / Unless I dream you there.”

Das Lied aus dem diese Textzeilen stammen heißt „Albuquerque“ und ist nur einer der Orte, die der große australische Troubadour derzeit nicht besuchen kann. Es ist eine Pandemie Ballade, die mit dem sanften Lufthauch eines Schlaflieds über uns hinweg gleitet und ist damit vielleicht nicht das, was wir von einem Album namens „CARNAGE“ erwarten würden, insbesondere angesichts der etablierten Vorliebe von Cave für gewalttätige blutrünstige Lyrik. Aber hier gibt es jede Menge Gemetzel emotionaler Art in einer musikalisch gewagten und brutal lebendigen Darstellung des menschlichen Selbsterhaltungstriebs in einer Krise. Es ist ein Album, das sich mit Samuel Beckett’s unverkennbaren Überlebensimpuls verbündet – ein Album der Beharrlichkeit, egal wie schlimm die Dinge waren, sind und werden.

Nick’s Herangehensweise an die Texte nahm nach „Push The Sky Away“ von 2013 vom Geschichtenerzählen zur Abstraktion eine Wendung, wobei die Songstrukturen auf Warren’s hypnotischen Synth-Loops ungebunden und frei fließend waren. „Skeleton Tree“ von 2016 war ein spektrales, eindringliches Album, während „Ghosteen“ von 2019 von biblischen Bildern und Folklore durchdrungen war, als dieses den tragischen Tod seines Sohnes Arthur verarbeitete. Bei „CARNAGE“ schließt sich der Kreis, da dieselbe Logik auf die spannendste und verstörendste Arbeit des Paares seit „Grinderman II“ angewendet wird.

Das eröffnende Stück „Hand Of God“ zeigt Nick, der bei einem Gottesdienst den verrückten Prediger spielt, während Warren’s Synths unruhig darunter pochen. Auf halbem Weg entsteht pure Manie – Chöre wiederholen den Titel wie ein Mantra, während die Streicher abfallen und dramatische Gesänge auf einer steigenden Flut aufbauen. Quietschende Gitarren poltern über den drängelnden Synth-Bass von „Old Time“, während wilde Saiten aus der Reihenfolge tanzen. Diese Instrumentals wären auf „Yeezus“ nicht fehl am Platz.

In Lockdown geschrieben, trägt es das Gewicht von 2020 auf dem Ärmel. In „White Elephant“ bezieht sich Nick direkt auf die Proteste gegen Black Lives Matter, als er eine Szene eines weißen Jägers erzählt, der mit einer Elefantenpistole auf seiner Veranda sitzt. „“A protester kneels on the neck of a statue / the statue says I can’t breathe / the protester says now you know how it feels and kicks it into the sea”, spuckt er in seine halb gesungenen, halb gesprochenen Worte. Und auf halbem Weg dreht sich der Wind, wird plötzlich hoffnungsvoll und gemeinschaftlich und fordert eine Rückkehr zum Königreich des Himmels.

Wie ein Großteil seiner Werke nach dem Tod seines Sohnes Arthur im Jahr 2015 ist „CARNAGE“ von tiefem und fast unausweichlichem Kummer erfüllt. Doch während sich dieser besonders kühne Singer-Songwriter mit Isolation, Einsamkeit, Verlust und der harten emotionalen Ausdauer auseinandersetzt, die alle vor dem Hintergrund einer apokalyptischen Bedrohung stehen, wird das Persönliche hierbei universell. Die seltsame, sinnliche Klanglandschaft folgt dem von Trauer geprägten Doppelalbum des letzten Bad Seeds Album, dringt jedoch tiefer in das elektronische Ambient-Terrain ein. „CARNAGE“ findet aber auch eine Verbindung zurück zu dem instinktiven, gewalttätigeren und melodramatischeren Strang des rockigeren Oeuvres der Bad Seeds.

Nick Cave ist kein Songwriter für den durchschnittlichen Geschmack, mit seiner schaurigen, poetischen Neigung, seinem Instinkt für Extremität und Obszönität und seiner Bereitschaft, Songstrukturen bis zum beinahe Bruch zu verzerren. Doch für seine ständig wachsende Legion an Bewunderern ist er ein Künstler, der das moderne populäre Lied so weit und tief wie möglich treibt, und mit 63 Jahren wird er immer mutiger. Das Album endet mit „Balcony Man“, das den Troubadour auf seinem Balkon in Brighton mit seinem Notizbuch in der Hand zeigt und seine Gedanken in eine Melodie kanalisiert, die wie Rauch schwebt und sich verändert, bis sie sich zu einem traurigen, schönen, klaviergetriebenen Liebeslied verfestigt. „This morning is amazing and so are you“, singt Cave wie ein Gebet.

Der Abschluss seines Meisterwerks bietet jedoch eine etwas weniger beruhigende Aussicht, mit der sich viele von uns aber zweifellos identifizieren werden: “What doesn’t kill you just makes you crazier.” 

10.0