Moor Mother – Black Encyclopedia Of The Air

Die Exzellenz von MOOR MOTHER scheint kein Ende zu nehmen. Dieses neue Album ist sehr rhythmisch und manchmal sogar ziemlich eingängig, aber zu keiner Sekunde ist hier eine fehlende Schärfe auszumachen. BLACK ENCYCLOPEDIA OF THE AIR ist tatsächlich ihr bisher bestes Album.

Es scheint, als würden Moor Mother die Toten mit der Luft wiedervereinen und Raum zum Sprechen und Atmen lassen. Sie stellt die „Ältesten“, die „Besitzer der Geschichte“, in den Vordergrund, eine Enzyklopädie der Luft und ihrer vielen Bewohner – sei es die unmittelbare Familie oder die mächtigen Coltranes. Die Moormutter steht zwar auf den Schultern von Riesen, aber es ist klar, dass sie das als Privileg und nicht als Last betrachtet. Auf „Made A Circle“ gibt es diesen Refrain: „Your mama’s baby, your mama’s mama, your sister, your aunt’s sister, your grandma, your great great grandma.“ Ein Song integraler Verbindungen, eine „lineage long“ Ode an die schwarze Weiblichkeit. 

Sie hat das Projekt scherzhaft als ihr „sell out“ Album bezeichnet, aber es ist auch eines ihrer freizügigsten. „Temporal Control of Light Echos“ ist ein Jazz-Psych-Canyon – Gitarren, die einen Wüstenhimmel versengen. Bei Moor Mother gab es noch nie Zufälligkeiten in der Wortwahl, aber hier ist ihre Improvisationsintuition vulkanisch. Der Wechsel von „Temporal Control of Light Echoes“ zu „Mangrove“ ist abrupt, von nebligen Beats und temporalen gesprochenen Versen, die wie das Flackern einer Schlangenzunge auf der Suche nach höheren Wahrheiten nachhallt, zu geerdetem und jazzig angehauchten Analog-Rap.

Auf ihrem fünften Album versammelt Ayewa im weiteren Verlauf eine Sammlung von Underground-Hip-Hop-Künstlern, um etwas Verdaulicheres zu schaffen, ohne ein Gramm ihres grenzenlosen, politischen oder abenteuerlichen Geistes zu opfern. Das heimsuchende „Obsidian“ zum Beispiel enthält einen genreübergreifenden Vers von Pink Siifu, die häusliche Gewalt mit eindringlichen Texten bekämpft, während Ayewa in nur 90 Sekunden karibische dunkle Magie kanalisiert. Auf 13 Tracks und knapp 32 Minuten konzentriert sich Ayewa ausschließlich auf die wahrhaftigste Stimmung für jede Nummer. 

Ayewa hält sich hauptsächlich an Hip-Hop-Beats und traditionellere Songstrukturen – wobei das sechsminütige wandernde „Tarot“ die bedeutendste Ausnahme ist – Ayewa beschließt, die Zuhörer durch ihre Performance und ihre Texte herauszufordern. Im Kern ist dies Protestmusik, die Revolution mit Free Jazz und Poesie verbindet. Die kreative Gegenüberstellung in Zeilen wie „Blackface Democratic/ Slave House Senate“ spielt als düster-komödiantischer Kommentar zur modernen Politik und macht das beliebteste Genre der Welt zweifellos in diesen Minuten zu ihrem ganz Eigenen.

8.9