MON LAFERTE FEMME FATALE
MON LAFERTE kehrt mit FEMME FATALE zu Jazz, Cabaret und radikaler Selbstbefragung zurück, verhandelt Macht, Begehren und Verletzlichkeit, ohne sich hinter Nostalgie zu verstecken.
Mit „FEMME FATALE“ legt Mon Laferte ein Album vor, das sich bewusst gegen zeitgenössische Popökonomien stellt und stattdessen auf Verdichtung, Theatralik und emotionale Überforderung setzt. Nach der ästhetischen Überdehnung von „Autopoiética“ wirkt dieser Schritt zunächst wie eine Rückkehr zur Form. Tatsächlich handelt es sich eher um eine Konzentration. Laferte rückt ihre Stimme, ihre Biografie und ihre Obsessionen in ein jazziges Cabaret Setting, das weniger als Stilzitat funktioniert, sondern als Bühne für kontrollierten Kontrollverlust. Der Aufnahmeprozess, gemeinsam mit Manú Jalil und einem großen Ensemble aus Bläsern, Streichern und Rhythmusgruppe, setzt auf Live Energie und orchestrale Präsenz. Diese Entscheidung trägt das Album, fordert es aber auch heraus.
Der Titelsong „Femme Fatale“ eröffnet als programmatisches Statement. Die Klarinette führt in eine Atmosphäre, die eher nach verrauchten Theatern als nach Studio klingt. Textlich benennt Laferte ihre Selbstsabotage mit entwaffnender Direktheit. „Tantos años intentando descifrar quién soy“ fungiert hier nicht als Klage, sondern als Selbstdiagnose. Ihre Stimme wechselt zwischen Kontrolle und Bruch, was die Inszenierung glaubwürdig hält. In „Otra Noche de Llorar“ droht die Nähe zur Nostalgie, doch Laferte unterläuft den Swing Gestus mit aggressiven Peaks und einer inneren Unruhe, die das Arrangement destabilisiert. Der Schmerz wird nicht romantisiert, sondern ausgestellt.
Problematischer gestaltet sich die Balladenhäufung im Mittelteil. Trotz starker Einzelmomente verliert das Album hier an dramaturgischer Schärfe. „Mi Hombre“ überzeugt durch subtile Verfremdungen und eine Ambivalenz zwischen Begehren und Selbstverlust. „El Gran Señor“ hingegen ist in seiner Überzeichnung wirkungsvoll, weil es Machtverhältnisse nicht metaphorisiert, sondern emotional zuspitzt. Der gesprochene Exzess von „1:30“ bildet den radikalsten Einschnitt. Der Text springt zwischen Alltagsgesten und struktureller Gewalt, das freie Jazz Gerüst verstärkt die Desorientierung. Hier erreicht das Album seine höchste Dringlichkeit.
Die Kollaboration mit Nathy Peluso auf „La Tirana“ funktioniert als bewusste Übersteigerung. Der bolerohafte Gestus kippt in kollektive Euphorie, ohne den Kern der Erzählung zu verwässern. Weniger zwingend wirkt „My One And Only Love“ mit Natalia Lafourcade und Silvana Estrada. Die intime Zurücknahme steht im Widerspruch zur vokalen Konstellation und bleibt hinter ihrem Potenzial. Der Abschluss „Vida Normal“ greift diese Spannung produktiv auf. Die Big Band Inszenierung trägt einen Text, der Mutterschaft, Alter und Selbstakzeptanz verhandelt. „¿Quién es esa mujer que se parece cada vez más a mi mamá?“ wirkt deshalb nicht versöhnlich, sondern ernüchternd.
„FEMME FATALE“ ist kein makelloses Album. Seine Länge und stilistische Konsequenz verlangen Geduld. Seine Stärke liegt in der kompromisslosen Ausleuchtung innerer Extreme. Mon Laferte gelingt es, das archetypische Bild der femme fatale nicht zu rehabilitieren, sondern zu zerlegen. Jazz und Cabaret dienen dabei nicht als Dekor, sondern als Mittel zur Selbstkonfrontation.
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