MEGHAN TRAINOR Thank You
Zwischen 90er-R&B-Reflex und Self-Love-Mantra: Warum MEGHAN TRAINOR’s THANK YOU als poppige Kurskorrektur glänzt, doch erzählerisch strauchelt.
Meghan Trainor kam mit „Title“ als Doo-Wop-Traditionalistin in den Mainstream, als Stimme einer Generation, die Körperpositivität in helle, retroverliebte Refrains kleidete. „Thank You“ markiert die Kehrtwende: Produzent Ricky Reed poliert die Melodie-Hooks in Richtung Ende-90er/Früh-00er-Pop, Labelchef L.A. Reid ließ die erste Fassung angeblich zurückgehen, bis ein schlagkräftiger Lead da war. Der kam mit „NO“, einer Destiny’s-Child-getönten Abwehrhymne, die die neue Härte programmatisch in drei Silben presst: „My name is no / my sign is no / my number is no.“ Der Schritt weg vom Zucker-Vintage wirkt klug – nur öffnet er eine andere Baustelle. Wo früher die Pastellfarben nervten, stolpern nun Textbilder, Tonalität und Rollensetzung.
Die Produktion arbeitet oft mit trockenen Bässen, scharfen Handclaps, synthetischen Bläserstubs. „Watch Me Do“ spannt Funk-Trommeln und Hornriffs, doch das braggadocio kippt in kalte Selbstbespiegelung. „Me Too“ reduziert die Strophen auf Snap, Bass, Mundperkussion, dann platzt der Refrain mit dem Mantra „If I was you, I’d wanna be me too“. Selbstliebe als Pop-Dogma kann tragen, hier klingt sie häufig wie Spiegelpose ohne Zwinkern. Besser gelingt das Motiv, wenn LunchMoney Lewis in „I Love Me“ die Zeile „I love me… I love me“ mit lockerer Breite erdet; seine Strophen öffnen Groove und Laune, während Trainor’s nasal geführter Ton in der Höhe schnell hart wird. Die Gastspur von Yo Gotti bleibt hingegen blass, ein Funktionsvers im Fließbandmodus.
Spannender präsentiert sich die Balladen-Achse. „Hopeless Romantic“ setzt auf zurückgenommenen Gitarrenpuls, mehrstimmige Layer, einen Hauch Boyz-II-Men-Sentiment – hier zeigt sich Meghan Trainor als verlässliche Melodistin, die auf einfache Kadenzen Tragfähigkeit findet. „Kindly Calm Me Down“ will episch: Klavier in Moll, dräuende Drums, Chorflächen. Das Bild „when my world gets loud, could you make it quiet down?“ bewegt, doch das Power-Balladen-Outfit steht ihrer Stimme nur bedingt; das Vibrato arbeitet, die Refrainhöhen pressen. An anderer Stelle testet „Better“ karibisch angehauchte Percussion, „Champagne Problems“ tickt im Tropen-Pop-Register, verheddert sich jedoch in Alltagsnörgeleien über WLAN und Handy – ein ironischer Dreh wäre nötig, die Nummer meint es zu wörtlich.
Die Sequenz schwankt: Empowerment, dann Sehnsucht, anschließend Tanzaufforderung. „Dance Like Yo Daddy“ bringt Baritonsax, Cowbell, eine alberne, charmante Anleitung („Simon says go touch your nose…“), die im Studio-Lachen ausfadet – selten wirkt Meghan Trainor so menschlich wie hier oder im Motown-Flirt „Mom“ samt kurzer, kitschiger, ehrlicher Telefonsequenz. Genau in diesen Momenten blitzt eine Künstlerin auf, die sich weniger an Trendtexturen festhält, mehr an Haltung, Humor, Nähe. Das Cover erzählt die gleiche Ambivalenz: ein dunkler Hintergrund, ein Profil im Schein, kupfern glühendes Haar, Glitzer am Kragen. Glamour im Gegenlicht, Kopf im Rückwurf – Selbststilisierung als Pop-Rüstung. Die Songs greifen dieses Bild häufig als Pose, seltener als Erzählung auf.
Im Summe ist „Thank You“ ein zeitgeistiges Upgrade mit klarer Melodiehand, allerdings auch mit textlichen Binsen, wackeliger Figurenführung und einigen Produktionsentscheidungen, die Kanten glätten statt Charakter zu schärfen. Meghan Trainor zeigt Entwicklung, verliert zugleich einen Teil der Eigenmarke, die „Title“ – bei allen Schwächen – unverwechselbar machte. Wo „NO“ kantig zündet, bleibt anderes im Einheitslicht des Formats. Der Weg ist nachvollziehbar, die Vision noch nicht geschlossen.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
