KADAVAR Kids Abandoning Destiny Among Vanity And Ruin
KADAVAR setzen mit rauer Energie, präziser Handarbeit und deutlicher stilistischer Rückschärfung ein markantes Statement im Spätjahr 2025. Die Platte wirkt wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zum Vorgänger, lädt zu erneuter Standortbestimmung ein, entfaltet dabei aber keinen glatten Nostalgieraum, sondern eine harsche, vibrierende Gegenwart.
Die kurze Distanz zum Vorgänger erzeugt zunächst Skepsis, denn gerade die Zusammenarbeit mit Max Rieger hatte im Frühjahr überraschend viel Raum geschaffen für alternative Farben, elektronische Schatten und melodische Experimente. Nun tritt das Quartett wieder mit einer klaren Priorität auf: Rückbesinnung auf unmittelbare Energie. Der Wechsel an die Regler, diesmal durch Christoph Bartelt, erklärt einen Teil dieser Richtungsverschiebung. Die Produktion arbeitet mit analogen Härtegraden, während die Songs selbst nicht bloß frühe Bandgeschichten spiegeln. Vielmehr baut das Album eine neue Art Verdichtung auf, entstanden aus der Kombination aus Erfahrung, eingespielter Routine und dem merkbaren Willen, den eigenen Kern neu auszuleuchten.
Das Cover transportiert diese Haltung bereits visuell: Vier Gesichter spiegeln sich in einer geborstenen Fläche. Die Risse schneiden Konturen, verzerren Blicke und legen etwas frei, das nicht eindeutig benannt werden kann. Diese gebrochene Perspektive begegnet mehreren Songs, vor allem in den Momenten, in denen Kadavar Tempo reduzieren, ohne Druck zu verlieren. „Lies“ arbeitet mit schwerer Textur, lässt die Gitarren wuchtig öffnen, setzt aber im Refrain auf eine fast schwebende Weite. „Heartache“ baut aus dieser Grundlage einen deutlich helleren Impuls, getragen von überraschend nach vorne schnappenden Harmonielinien. Der Refrain trägt die Zeile „The sun goes up, what can I do?“, was die innere Ausrichtung der Platte besser beschreibt als viele Studio-Anekdoten. Kadavar betrachten Chaos zwar mit Distanz, gestalten jedoch keine resignierte Grundhaltung, sondern einen stoischen, teilweise ironischen Umgang mit Krisen, die im Außen lauern.
„Explosions In The Sky“ greift diese Ambivalenz erneut auf. Die helle Melodie wirkt weit geöffnet, während die Gitarren schwer bleiben und ein Fundament legen, das trotz Ohrwurmpotenzial nie in Kitsch abrutscht. Der kurze Zwischentrack „The Corner of E 2nd and Robert Martinez“ lenkt den Fokus für einen Moment in einen anderen Raum, bevor „Stick It“ den klassischen Kadavar-Impuls liefert, reduziert auf Direktheit, getragen von trockenen Gitarren und einem nahezu körperlosen, dennoch druckvollen Groove. Die Einfachheit ist gewollt, gewinnt jedoch nicht in jeder Sekunde. Stellenweise fehlt dem Stück jener Funke, der es über das Schematische heben würde. „You Me Apocalypse“ setzt wieder breiter an. Die kosmischen Synthflächen klingen weniger verspielt als auf früheren Platten, dafür entschlossener positioniert. Die Spannung entsteht aus Kontrastzonen, nicht aus Effektvolumen.
„The Children“ spielt mit brüchiger Unruhe, führt stimmliche Fragmente ein, die an rudimentäre Alltagsräume erinnern und im Kontrast zu den massiven Gitarren stehen. Diese Gegenüberstellung trägt tatsächlich einen erzählerischen Wert, auch wenn der Song im Mittelteil fast zu klassisch auf Kadavar-Formeln zurückfällt. Der Titeltrack „K.A.D.A.V.A.R.“ wirkt im Vergleich am schwächsten, da er die zuvor aufgebaute narrative Spannung nicht konsequent weiterführt. Dennoch öffnet dieser Moment den Raum für das finale „Total Annihilation“. Hier kippt die Platte in eine vehemente Attacke, die von Thrash-Metal-Härte getragen wird und im Solo kurzzeitig ins Psychedelische driftet. Es ist kein subtiler Song, zeigt allerdings, wie gut Kadavar die Balance aus roher Direktheit und kontrollierter Stilzitaterei beherrschen, ohne in Pathos zu verfallen.
Das Gesamtbild bleibt nicht frei von Brüchen. Einige Ideen wirken wiederverwendet, manche Melodien greifen bewusst zurück, ohne ihre Notwendigkeit immer klar zu machen. Trotzdem gewinnt das Album über seine Länge an Gewicht. Die Band zeigt keine überhitzte Nostalgie, sondern ein präzises Selbstverständnis, das nicht verzärtelt, sondern in rauer Klarheit arbeitet. Hier entsteht kein luftdichtes Meisterwerk, eher ein überzeugendes, teilweise exzentrisches Kapitel innerhalb der eigenen Diskografie.
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