IRIS CALTWAIT legt mit AGAIN FOR THE FIRST TIME ein tiefgreifendes Werk zwischen Schmerz, Rückkehr und Selbstfindung vor das den modernen Alt Pop in seiner emotionalsten Form neu definiert und eine unerwartete Stärke aus der Verletzlichkeit schöpft.
Vier Jahre nach ihrem Debütalbum „Love and Other Disasters“ veröffentlicht die norwegische Musikerin Iris Caltwait ihr zweites Werk und vollzieht damit eine künstlerische Häutung. Die frühere „iris“ hat sich verabschiedet. „Again, for the first time“ ist kein Album über Neuanfang, sondern über das Wiederfinden: das langsame, tastende Zurückkehren in eine Stimme, die sich selbst neu begreifen muss. Caltwait erzählt hier von Verlust, Selbstzweifel und Vergebung, ohne in Pathos zu verfallen. Stattdessen strukturiert sie ihre Songs wie Räume – manchmal eng, manchmal weit, stets voller Atem und Zwischenlicht.
Die Platte öffnet sich mit einem Flackern: Kinderlachen, Fragmente aus Familienarchiven, eine Stimme, die fragt „har du problemer?“. Schon im Übergang zu „I remember“ wird klar, dass diese Rückkehr ins Private keine Flucht ist, sondern Recherche. Caltwait sucht in alten Erinnerungen die Funken jener Unbeschwertheit, die sie im Erwachsenenleben verloren hat. In „I’m in the corner, alone“ beschreibt sie digitale Überreizung und emotionale Erstarrung – ein Song wie ein statisches Flimmern, aus dem sie sich nur mühsam herauslöst. „Honey, baby“ öffnet sich später zu einer kathartischen Gitarrenexplosion. Das Arrangement bleibt kontrolliert, doch der innere Druck ist spürbar.
Caltwait produziert weite Teile selbst und versteht Klangarchitektur als psychologisches Instrument. Synthflächen und Streicher liegen selten glatt, sondern falten sich gegeneinander. „These are hard times (Say the Words!)“ arbeitet mit dieser Reibung, das Lied bleibt schwerelos und eindringlich zugleich. Mit „Serpentine“ lernt sie, Wut zuzulassen: kein Schrei, sondern eine präzise gesetzte Erschütterung. In „Dragonfly“ verwandelt sie Trauer in zarte Bewegung, ein stilles Stück über den Tod der Großmutter. „Spring Rush“ bringt plötzlich Licht – ein unbedarftes, fast scheues Aufleuchten. Es klingt nach einem Versuch, wieder zu leben. Am Ende steht „Alchemy (Living Is Not For The Heart)“, ein Resümee über das Menschsein, verletzlich und diszipliniert zugleich.
Das Cover spiegelt diese innere Dualität. Eine Doppelbelichtung zeigt Caltwait zwischen Gegenwart und Erinnerung, halb im Studio, halb in einem durchscheinenden Zwischenraum. Das Bild wirkt wie ein eingefrorener Moment aus der Entstehung des Albums: Beobachtung, Reflexion, Selbstauflösung. „Again, for the first time“ ist ein fein gearbeiteter Entwurf über Heilung und Selbstkonfrontation. Kein perfektes, aber ein sehr bewusstes Album. Die Produktion beeindruckt durch Präzision und Tiefenschärfe, verliert sich nur gelegentlich in stilistischen Sprüngen. Wo Caltwait sich auf das Reduzierte konzentriert, gewinnt sie an Ausdruck. Ihr Gesang bleibt das Zentrum, verletzlich, ungeschönt, mitunter fast klinisch. Diese Kälte ist Teil des Konzepts: eine Form von Ehrlichkeit, die Mut erfordert.
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