HANNAH FRANCES Nested In Tangles
Zwischen Verwurzelung und Befreiung: HANNAH FRANCES vertont auf NESTED IN TANGELS die Bruchlinien der Erinnerung und erschafft aus familiären Fragmenten ein neues, lebendiges Klanggeflecht.
Kaum ein Werk in diesem Herbst verlangt derart aufmerksames Zuhören wie „Nested in Tangles“. Hannah Frances, die Komponistin, Gitarristin und Sängerin aus Vermont, hat hier ein Album geschaffen, das nicht bloß Songs versammelt, sondern Wunden offenlegt, Räume kartiert, Spuren verfolgt. Nach dem introspektiven „Keeper of the Shepherd“ markiert dieses sechste Studioalbum eine Öffnung: weg von kontemplativer Ruhe hin zu einem vielstimmigen, fast anarchischen Geflecht aus Folk, Jazz, Kammermusik und progressivem Rock. Gemeinsam mit Produzent Kevin Copeland und Grizzly Bear’s Daniel Rossen entwirft Frances neun Stücke, die in Bewegung bleiben, immer suchend, immer tastend.
Der Opener „Nested in Tangles“ gleicht einem inneren Prolog. „Living at the edges of rupture, I find solidity in the movement of roots“, singt Frances, als wolle sie die Vergangenheit durch Sprache neu verwurzeln. In diesem Bild liegt der ganze Ton des Albums: Unruhe, Aufbruch, Heilung. „Life’s Work“, eine Zusammenarbeit mit Rossen, ist das rhythmische Zentrum, getrieben von unregelmäßigen Trompetenstößen und der Zeile „Learning to trust in spite of it is life’s work“. Frances singt gegen ihre eigene Geschichte an, ihr Gesang schwankt zwischen Offenbarung und Widerstand.
Zwischen dem fragilen „Falling From and Further“ und dem jazzgetönten „Beholden To“ entsteht eine Architektur aus Spannung und Nachgiebigkeit. Ihre Stimme dehnt sich, kippt, bricht, während Holzbläser und Gitarren wie widersprechende Gedankenstränge ineinandergreifen. „Surviving You“ ist der emotionale Kulminationspunkt: „There’s nothing more to give toward forgiveness, when there is no willingness to understand.“ Diese Zeile, fast geflüstert, trifft mit der Wucht eines Befundes. Es geht nicht mehr um Versöhnung, sondern um die Anerkennung des Unversöhnlichen.
Wenn im abschließenden „Heavy Light“ Kinderstimmen und Musikboxklänge in den Raum treten, wirkt das nicht sentimental, sondern notwendig. „I am still a child finding flowers,“ bekennt Frances, und im gleichen Atemzug verschiebt sich die Musik in eine friedvolle Auflösung. Das Albumcover – die Künstlerin in rotem Gewand zwischen knorrigen Ästen – spiegelt genau diese Dualität: Schutz und Gefahr, Balance und Ausbruch. Frances thront nicht über der Natur, sie ist Teil ihres Gewirrs. „Nested in Tangles“ klingt, als hätte jemand aus Schmerz ein architektonisches Monument gebaut.
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