Fuck Buttons – Tarot Sport

Es klingt wie das unverdrängbare Verlangen, sich mitten in den Nacht die Hochzeitstorte für morgen auf den Küchentisch zu stellen, einen letzten Gedanken an die Vernunft zu verschwenden und anschließend in Lust gehüllt sämtliche Hemmungen fallen zu lassen, sich darauf zu stürzen, den Kopf in die süßen Zutaten einzutauchen und dabei seinen für immer sicher geglaubten Verstand entgültig zwischen den feinen Backwaren zu verlieren. Was in diesem Moment an einem in spürbarer Leichtigkeit vorbei schwindet, das ist er, der Verstand in seiner Leibhaftigkeit mit all den Urteilen, dem Vermögen, der Vernunft und auch der Wahrnehmung. Immanuel Kant formulierte es damals so: „Der Verstand ist das Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln.“ Und hat man diesen schließlich für alle Zeit verloren, legt sich schleichend eine tiefe Dunkelheit über uns, die nur durch einen winzig kleinen Lichtpunkt am fernen Horizont unterbrochen wird. Und hier kommen nun die Fuck Buttons ins Spiel. Andrew Hung und Benjamin John Power kann wahrlich nichts auf Ihrer zweiten Platte vorgeworfen werden und schon recht nicht, sich zu wiederholen. Post-Rock, Noise, Elektronik leben in vollkommener Harmonie zusammen. Verbinden eine ungeheuerliche Intensität mit der Konzentration unserer Gedanken und Anstelle einer aufkeimenden Explosionswelle, federn die Fuck Buttons in Ihren langen und gefühlvollen Nummern den Rückstoss weitesgehend ab. Und nur so gelangen wir schließlich auch in das gleißende Licht am Ende der Wirklichkeit. Eingetreten erwarten uns auf dem Opener ‚ Surf Solar ‚ die bizarren Klangexperimente im Herzen des Universums. Schnittige Pumpen in reflektierenden Farben stoßen in regelmäßigen Abständen Four-On-The-Floor-Beats durch die funkelnden Staubpartikelchen. Dabei gestalten sich die Strecken so aerodynamisch, dass man schnell den Eindruck von vorbei fliegenden Strichen im geistigen Auge sehen kann. Geisterhafte Drohnen, dämonische Geister und Geister mit dem Hang zur musikalischen Äquivalenz ziehen eine beständige Schlaufe um das zentrale Kapitel auf ‚ Tarot Sport ‚ und endet bei den mittleren Tracks ‚ The Lisbon Maru ‚ und ‚ Olympians ‚. Das eine besticht durch ein stampfendes Schlagzeug in glühenden Farben der ausgelassenen Freude und das Andere fühlt sich schlicht und ergreifend wie etwas wunderbar Großes an. Ja es fühlt sich so an, als hätten die Fuck Buttons es wirklich herausgefunden welche Knöpfe Sie drücken müssen, um den gewaltigen Berg an Chemikalien in Bewegung zu versetzen. Und das ist vielleicht auch der entscheidende Schlüssel um diese wahnwitzige Beschleunigung in Gang zu setzen. Es versuchen zu erklären bleibt ohne Erfolg. Dafür schützt sich die Platte zu perfekt hinter rätselhaften Eigenschaften und gut dosierten Endorphin-Schüben. ‚ Tarot Sport ‚ bietet keine Pause, befindet sich in ständiger Bewegung und zeigt uns die verborgenen Welten emotionaler Terrains. Einzig schade ist an diesem traumwandlerischen Trip die Tatsache, solche weit entfernten Galaxien wohl nie selbst betreten zu können.