FLORENCE + THE MACHINE High As Hope
FLORENCE WELCH zwischen Verletzlichkeit und Selbstbehauptung: Wie HIGH AS HOPE die übergroße Geste zügelt und eine leise innere Stärke freilegt die tiefer wirkt als jedes Pathos.
In der Geschichte von Florence + the Machine war Größe immer eine Voraussetzung: rauschhafte Hymnen, sakrale Metaphern, Kathedralen aus Stimme und Hall. Mit „High As Hope“ richtet Florence Welch den Blick erstmals nach innen, fast scheu. Das Cover zeigt sie in einem blassen Kleid vor abgeblätterter Wand, eine einzelne Blume in der Hand – ein visuelles Bekenntnis zur Entblößung. Nach Jahren der orchestralen Überwältigung sucht sie in der Stille nach Wahrheit. Welch produzierte das Album erstmals selbst, gemeinsam mit Emile Haynie, dessen luftige Klangräume zwischen Intimität und Leere changieren.
Die zehn Stücke wirken wie Tagebucheinträge, getragen von Piano, Streichern und dieser unnachahmlichen Stimme, die nun weniger donnert als zittert. „June“ öffnet die Platte mit einer fast gebetshaften Anrufung, während „Hunger“ den Schmerz jugendlicher Selbstverachtung in rhythmische Dringlichkeit verwandelt: „At seventeen I started to starve myself“. Hier beginnt das, was Welch „the end of a needy kind of love“ nennt – eine Suche nach Ganzheit ohne Flucht in Ekstase. „Big God“, gemeinsam mit Jamie xx und Kamasi Washington, konfrontiert Leere mit barocker Wucht, die sich in Saxophon und Klavier entlädt, doch bleibt der Boden brüchig.
Die stärksten Momente entstehen dort, wo sie die Handbremse zieht. „Grace“ entschuldigt sich flüsternd bei der Schwester, die sie einst auffing, „The End of Love“ umkreist Verlust ohne Pathos. „No Choir“, das Finale, verzichtet bewusst auf Mehrstimmigkeit – eine stille Selbstkorrektur. Trotzdem verliert sich das Album stellenweise im eigenen Konzept. Haynie’s Produktion bleibt zu glatt, zu bedacht, die Emotionen manchmal in Nebel gehüllt. Welch wollte Distanz vermeiden, fand aber gelegentlich nur Leere. „High As Hope“ ist kein Triumph, sondern ein Übergang: weniger Ekstase, mehr Nachdenklichkeit. Eine Künstlerin, die gelernt hat, dass Zurückhaltung ebenso laut sprechen kann wie ein Orkan: wenn sie den Mut behält, leise zu bleiben.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
