Eine zermürbende Suche nach dem analogen Rest in Zeiten digitaler Reizüberflutung: BLEACHERS taumeln auf ihrem neuen Album EVERYONE FOR TEN MINUTES zwischen stadiongroßer Nostalgie und der unbarmherzigen Enge des Algorithmus.
Ein einsames, analoges FaceTime-Freizeichen schneidet durch die Eröffnung von „sideways“. Es ist ein winziges, fast unbemerktes Störgeräusch, eine digitale Alltagsminiatur, die in der Folge wie ein rhythmisches Skelett unter den anschwellenden Synthesizern liegt. Diese isolierte Produktionsgeste fungiert als der eigentliche Kern einer Platte, die sich obsessiv an der Frage abarbeitet, wie viel echte Verbindung im Rauschen der Gegenwart überhaupt noch übrigbleibt. Aus dieser anfänglichen Sequenz entwickelt Jack Antonoff eine Ästhetik der permanenten Überforderung, in der das Private sofort von der technologischen Peripherie kolonisiert wird. Die Musik atmet hierdurch eine merkwürdige Atemlosigkeit, die sich merklich von der distanzierten, fast schlafwandlerischen Gelassenheit des Vorgängeralbums abhebt.
Das Albumcover radikalisiert diese visuelle Setzung und überführt den Gestus der Erschöpfung in eine fast schon theatralische Inszenierung von Intimität. Der nackte, hasserfüllt zusammengesunkene Körper Antonoff’s über einem leeren Tisch bricht radikal mit dem unbeschwerten Pop-Konsens seiner bisherigen Produktionen. Diese demonstrative Pose der Agonie fungiert als visueller Schutzschild gegen die Netzkultur: Bevor das Feuilleton oder soziale Medien die Überforderung analysieren können, stellt der Künstler sie als monumentale Skulptur ins Schaufenster. Es ist der verzweifelte Versuch, Authentizität durch körperliche Schauwerte zu behaupten, während die Musik darunter längst im Netz der eigenen Einflüsse gefangen ist. Das Cover klärt somit die grundlegende Zerrissenheit dieses Künstlers, der im analogen Schmerz Zuflucht sucht, während er gleichzeitig die Codes der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie bedient.
Diese strukturelle Dichte prägt die erste Hälfte der Veröffentlichung, in der das Motiv des Aufbruchs und des Verlusts konsequent über repetitive Loops verhandelt wird. In „the van“ etwa bricht die vertraute Bruce-Springsteen-Reminiszenz auf, indem ein Soul-Sample von Blue Magic seltsam verschoben und mechanisch wiederholt wird. Antonoff verarbeitet hier das Trauma des kollektiven Vergessens und die eigene Entwurzelung im Musikbetrieb. Die Zeilen „Glory to the ones who know the van, oh, oh, oh / Glory to the ones on the edge“ fungieren dabei nicht als nostalgische Verklärung, sondern als verzweifelter Beschwörungsritus. Es ist das wiederkehrende Motiv des schützenden Raums – sei es der Tourbus der Teenagerjahre oder das Schlafzimmer –, das gegen die unbarmherzige Verwertungslogik der Gegenwart verteidigt werden muss.
Die Form bricht erst im Mittelteil auf, wenn die Arrangements endgültig die Kontrolle verlieren und die Produktion in einen Zustand der reinen Hysterie kippt. In „take you out tonight“ kulminiert dieser Ansatz in einem fast manischen, klanglich völlig übersteuerten Finale, das die Grenze zwischen religiöser Ekstase und digitalem Nervenzusammenbruch verwischt. Antonoff schreit hier gegen die eigene Omnipräsenz an, verweigert sich der Gefälligkeit und zwingt die Band Bleachers in eine aggressive, bisweilen unerträgliche Lautstärke. Das anfangs etablierte FaceTime-Signal ist hier längst im bombastischen Wall of Sound untergegangen, hinterlässt jedoch eine permanente rhythmische Unruhe, die selbst den helleren Pop-Momenten jegliche Leichtigkeit nimmt. Am Ende bleibt das unaufgelöste Gefühl eines Musikers, der im Versuch, die Gegenwart zu kritisieren, deren erschöpfende Mechanismen eins zu eins reproduziert.
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