Suche läuft …
Schwarzweißfotografie im Kontrast zu weißer, blockhafter Typografie. Ein nackter Rücken, der Kopf tief in den Armen vergraben, vornübergeneigt über einen Tisch mit Besteck und einem leeren Glas.
ALBUM

everyone for ten minutes BLEACHERS

2026
MSTAX ALBUMPROFIL

Eine zermürbende Suche nach dem analogen Rest in Zeiten digitaler Reizüberflutung: BLEACHERS taumeln auf ihrem neuen Album EVERYONE FOR TEN MINUTES zwischen stadiongroßer Nostalgie und der unbarmherzigen Enge des Algorithmus.

Ein einsames, analoges FaceTime-Freizeichen schneidet durch die Eröffnung von „sideways“. Es ist ein winziges, fast unbemerktes Störgeräusch, eine digitale Alltagsminiatur, die in der Folge wie ein rhythmisches Skelett unter den anschwellenden Synthesizern liegt. Diese isolierte Produktionsgeste fungiert als der eigentliche Kern einer Platte, die sich obsessiv an der Frage abarbeitet, wie viel echte Verbindung im Rauschen der Gegenwart überhaupt noch übrigbleibt. Aus dieser anfänglichen Sequenz entwickelt Jack Antonoff eine Ästhetik der permanenten Überforderung, in der das Private sofort von der technologischen Peripherie kolonisiert wird. Die Musik atmet hierdurch eine merkwürdige Atemlosigkeit, die sich merklich von der distanzierten, fast schlafwandlerischen Gelassenheit des Vorgängeralbums abhebt.

Das Albumcover radikalisiert diese visuelle Setzung und überführt den Gestus der Erschöpfung in eine fast schon theatralische Inszenierung von Intimität. Der nackte, hasserfüllt zusammengesunkene Körper Antonoff’s über einem leeren Tisch bricht radikal mit dem unbeschwerten Pop-Konsens seiner bisherigen Produktionen. Diese demonstrative Pose der Agonie fungiert als visueller Schutzschild gegen die Netzkultur: Bevor das Feuilleton oder soziale Medien die Überforderung analysieren können, stellt der Künstler sie als monumentale Skulptur ins Schaufenster. Es ist der verzweifelte Versuch, Authentizität durch körperliche Schauwerte zu behaupten, während die Musik darunter längst im Netz der eigenen Einflüsse gefangen ist. Das Cover klärt somit die grundlegende Zerrissenheit dieses Künstlers, der im analogen Schmerz Zuflucht sucht, während er gleichzeitig die Codes der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie bedient.

Diese strukturelle Dichte prägt die erste Hälfte der Veröffentlichung, in der das Motiv des Aufbruchs und des Verlusts konsequent über repetitive Loops verhandelt wird. In „the van“ etwa bricht die vertraute Bruce-Springsteen-Reminiszenz auf, indem ein Soul-Sample von Blue Magic seltsam verschoben und mechanisch wiederholt wird. Antonoff verarbeitet hier das Trauma des kollektiven Vergessens und die eigene Entwurzelung im Musikbetrieb. Die Zeilen „Glory to the ones who know the van, oh, oh, oh / Glory to the ones on the edge“ fungieren dabei nicht als nostalgische Verklärung, sondern als verzweifelter Beschwörungsritus. Es ist das wiederkehrende Motiv des schützenden Raums – sei es der Tourbus der Teenagerjahre oder das Schlafzimmer –, das gegen die unbarmherzige Verwertungslogik der Gegenwart verteidigt werden muss.

Die Form bricht erst im Mittelteil auf, wenn die Arrangements endgültig die Kontrolle verlieren und die Produktion in einen Zustand der reinen Hysterie kippt. In „take you out tonight“ kulminiert dieser Ansatz in einem fast manischen, klanglich völlig übersteuerten Finale, das die Grenze zwischen religiöser Ekstase und digitalem Nervenzusammenbruch verwischt. Antonoff schreit hier gegen die eigene Omnipräsenz an, verweigert sich der Gefälligkeit und zwingt die Band Bleachers in eine aggressive, bisweilen unerträgliche Lautstärke. Das anfangs etablierte FaceTime-Signal ist hier längst im bombastischen Wall of Sound untergegangen, hinterlässt jedoch eine permanente rhythmische Unruhe, die selbst den helleren Pop-Momenten jegliche Leichtigkeit nimmt. Am Ende bleibt das unaufgelöste Gefühl eines Musikers, der im Versuch, die Gegenwart zu kritisieren, deren erschöpfende Mechanismen eins zu eins reproduziert.

Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.

Schwarzweißfotografie im Kontrast zu weißer, blockhafter Typografie. Ein nackter Rücken, der Kopf tief in den Armen vergraben, vornübergeneigt über einen Tisch mit Besteck und einem leeren Glas.

Bleachers – everyone for ten minutes

Jetzt bei JPC kaufen Jetzt bei Amazon kaufen

Das Album anhören

Anspieltipps: the van, take you out tonight, sideways

Passende Konzepte

MSTAX Konzeptprofil
30%
4 Stimmungen
MSTAX Konzeptprofil
13%
4 Stimmungen
MSTAX Konzeptprofil
11%
4 Stimmungen
MSTAX Konzeptprofil
10%
5 Stimmungen
MSTAX Konzeptprofil
2%
4 Stimmungen

Ähnliche Alben

„everyone for ten minutes“ belegt aktuell Platz 636 innerhalb der Stimmung Aufgewühlt (AW). Die folgende Auswahl zeigt Alben derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen.

collage
2025
Nickel on the Fountain Floor
AW-0632-AG
fotografie
2022
This is What We Do
AW-0633-AG
zeichensystem
2011
Hellabuster
AW-0634-TS
objekt
2011
Gloss Drop
AW-0635-KR
körpe‍r
2026
everyone for ten minutes
AW-0636-AG
portrait
2012
Halcyon
AW-0637-TZ
fragmentiert
2010
Everything In Between
AW-0638-TZ
körpe‍r
2003
Liz Phair
AW-0639-GG
stilisiert
2006
Kelis Was Here
AW-0640-PE