Düstere Vorahnungen und staubiger Blues formen ein monolithisches Werk voller analoger Wucht, mit dem ALL THEM WITCHES alte Traditionen in eine packende, moderne Rock-Ästhetik überführen.
Eine eigentümliche, fast unheimliche Schwere liegt über den ersten Takten, wenn eine verzerrte Violine sich um eine behutsam pulsierende Gitarre wickelt. All Them Witches wählen für den Einstieg in ihr siebtes Studioalbum eine verfremdete Spielart des traditionellen Appalachen-Folk, doch die vermeintliche ländliche Idylle wird sofort von einem gigantischen, tieffrequenten Riff zermalmt. Diese bewusste Entscheidung für die klangliche Entschleunigung bildet das Fundament einer ästhetischen Neuausrichtung.
Der Ausstieg des Gründungsmitglieds und Drummers Robby Staebler hinterließ eine spürbare Lücke, die der langjährige Weggefährte Christian Powers an den Kesseln nun mit einer erstaunlichen, fast schon mathematischen Präzision füllt. Zusammen mit dem reaktivierten Keyboarder Allan Van Cleave, dessen Rhodes-Piano den Songs eine vertraute, erdige Wärme zurückgibt, agiert das Quartett fokussierter als je zuvor. Gemeinsam mit Produzent Eddie Spear entfaltet die Band auf „House of Mirrors“ ein dichtes, archaisches Klangbild, das die ausufernden Psychedelia-Eskapaden früherer Tage zugunsten einer unbarmherzigen, geradlinigen Härte opfert.
Das visuelle Äquivalent dieser musikalischen Metamorphose zeigt sich in der verschwommenen, rotglühenden Ästhetik, in der die Konturen der Musiker beinahe geisterhaft ineinanderfließen. Diese bewusste Inszenierung von Desorientierung spiegelt das verzerrte Selbstbild einer Band, die sich im Studio völlig neu kalibrieren musste, um die eigene Identität vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Wo früher psychedelische Verspieltheit dominierte, herrscht nun eine greifbare, fast physische Enge, die die Bedrohlichkeit der Musik perfekt visualisiert.
Besonders in der lyrischen Ebene offenbart sich eine tiefsitzende Entfremdung und die Konfrontation mit unausweichlichen Abhängigkeiten. Im hypnotischen Zwölftakter „Aethernet“ verdichtet sich diese Paranoia zur bitteren Gewissheit: „You got me on your chain / I saw you in the fog“. Diese argumentative Verknüpfung von innerer Gefangenschaft und dem permanenten Drang zur Flucht zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte erste Hälfte des Albums. Die Stimme von Charles Michael Parks Jr. fungiert dabei nicht als expressiver Ausbruch, sondern als nüchterner, bisweilen beschwörender Kommentar inmitten von donnernden Klangwänden, die von der unerbittlichen Riff-Arbeit des Gitarristen Ben McLeod angetrieben werden.
Die Dynamikwechsel vollziehen sich nicht mehr in endlosen Jams, sondern innerhalb streng limitierter Songstrukturen. „Starting Line“ führt dieses Prinzip perfekt vor, indem ein fragiles, akustisches Intro urplötzlich in eine brachiale Alternative-Rock-Wand umschlägt, während Parks textlich ein unerbittliches Überlebensszenario entwirft. Die emotionale Zuspitzung gelingt der Formation schließlich im Kernstück des Albums, der schwermütigen Ballade „The Welterweight“. Hier verarbeitet Parks die Familiengeschichte seines Großvaters, eines ehemaligen Boxchampions aus Alabama, und transportiert eine tief sitzende, generationenübergreifende Melancholie: „my fear of the sky is inherited“. Christian Powers wechselt hier meisterhaft von feinsinnigen Akzenten zu schweren, marschartigen Grooves, die dem Track eine fast epische Tragweite verleihen.
Am Ende entlässt das epische „Saturn Song“ die Hörerschaft mit einem verhaltenen, fast schon optimistischen Schimmern in die Dunkelheit. All Them Witches demonstrieren auf diesem Werk eine bemerkenswerte handwerkliche Reife, auch wenn sie sich erzählerisch und stilistisch auf altbekanntem Terrain bewegen. Die Transformation von staubigem Blues-Rock in ein monolithisches, zeitloses Hard-Rock-Denkmal ist ihnen dennoch mit einer beeindruckenden Konsequenz gelungen.
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