BROKEN SOCIAL SCENE Remember The Humans
Ein rauschhafter Kollektivismus zwischen klanglicher Euphorie und intimer Verletzlichkeit markiert die triumphale Rückkehr von BROKEN SOCIAL SCENE. Das neue Album REMEMBER THE HUMANS besticht durch eine vielschichtige Produktion, die orchestrale Wucht mit leisen Momenten des Trostes verbindet.
In den ersten Sekunden von “Not Around Anymore” zittert eine einzelne, squiggly Gitarrenlinie, die sich fast schüchtern gegen ein aufziehendes Crescendo aus Flöten und Blechbläsern behauptet. Es ist eine mikrorhythmische Entscheidung für das Zaudern inmitten der drohenden Überwältigung, ein kurzes Innehalten, bevor die gewohnte Dichte einsetzt. Diese Geste des Knospens und Zögerns zieht sich als strukturelles Motiv durch das gesamte Werk. Wo frühere Aufnahmen oft in einem unkontrollierten Mahlstrom mündeten, regiert hier eine neue, fast architektonische Präzision im Schichten der Tonspuren.
Diese visuelle Entsprechung findet sich im Artwork von Justin Peroff wieder: Das grobe Gewebe der Leinwand bleibt unter den pastellfarbenen Farbschichten sichtbar, während kleine, stickereiartige Strukturen wie Fremdkörper auf der Oberfläche sitzen. Es ist ein Bild, das die Spannung zwischen der kommunalen Masse und der Zerbrechlichkeit des Individuums nicht nur illustriert, sondern als ästhetisches Problem markiert. Broken Social Scene verweigern die glatte Oberfläche zugunsten einer haptischen, fast schmerzhaften Präsenz des Materials, was die emotionale Dringlichkeit der Musik in eine visuelle Unausweichlichkeit übersetzt.
Die Stimme fungiert in diesem System als funktionales Element der Erdung, insbesondere wenn Kevin Drew im Opener deklamiert: “‘Cause it’s all gone away / I guess it’s called the times”. Die Lyrics dienen hier nicht der Dekoration, sondern als strukturelle Analyse eines schwindenden Raums, in dem das Verstecken und Lügen obsolet geworden ist. Diese Reduktion auf das Elementare korrespondiert mit der Entscheidung, David Newfeld zurück an das Mischpult zu holen. Seine Produktion erzwingt eine Tiefenstaffelung, in der selbst in maximalistischen Momenten wie “Relief” jede zerschossene Energie und jeder stolpernde Beat eine eigene, isolierbare Kinetik behält.
Gegenüber der ungebremsten Euphorie früherer Tage tritt eine fast jazzige Nüchternheit, etwa in “This Briefest Kiss”, wo das Saxofon nicht als Solist, sondern als Texturgeber fungiert. Die emotionale Steuerung erfolgt über die Platzierung der verschiedenen Vokalisten; Hannah Georgas oder Leslie Feist besetzen Räume, die zuvor von instrumentaler Wucht beansprucht wurden. Wenn in “What Happens Now” die Fragen im Fuzz baden, wird deutlich, dass die Band die monumentale Geste zugunsten einer präzisen Beobachtung von Vergänglichkeit verschoben hat. Die Anfangsbeobachtung der zitternden Gitarre findet ihre Entsprechung im finalen Verstummen – eine Verschiebung von der Angst vor dem Verschwinden hin zur Akzeptanz der Stille.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
