DIE STERNE Die Sterne
Die kühle Souveränität einer zerfallenden Institution: Frank Spilker verhandelt auf dem neuen Album der Formation DIE STERNE die Freiheit zwischen politischer Resignation und diskoidem Eskapismus. In zwölf präzise konstruierten Stücken beweist die Hamburger Schule ihre ungebrochene Relevanz durch radikale kompositorische Öffnung und kollaborative Dichte.
Der Verzicht auf die Redundanz eines festen Gefüges beginnt bei der Platzierung der Stimme. Frank Spilker rückt seine Phrasierungen auf dem zwölften Album, schlicht „Die Sterne“ betitelt, in eine neue, fast schon dokumentarische Distanz zum musikalischen Geschehen. Wo frühere Veröffentlichungen die Reibung im Trio suchten, agiert dieses Werk als offene Versuchsordnung unter der Regie von Jan Philipp Janzen. Die klangliche Dichte ist das Resultat einer strategischen Entscheidung gegen die hermetische Band-Identität.
Diese konsequente Abkehr vom klassischen Gruppengefüge findet ihre visuelle Entsprechung auf dem Cover, das Spilker isoliert zeigt. Die gelbe Typografie des Bandnamens überlagert den Künstler, der sich die Hand vors Gesicht hält, als müsse die eigene Identität hinter dem Projekt verschwinden, um Platz für die zahlreichen Kollaborateure wie Erobique oder die Düsseldorf Düsterboys zu schaffen. Es ist die Inszenierung einer Autorschaft, die sich durch Rückzug legitimiert.
Die strukturelle Strenge von „Der Palast ist leer“ verdeutlicht diese Neuausrichtung. Das Stück operiert mit einer motorischen Repetition, die jegliche dynamische Ausbrüche verweigert und die lyrische Bestandsaufnahme eines kulturellen Vakuums rahmt. „Die Provinzen sind verloren / Keine Nachfolger erkoren“, konstatiert die Stimme mit einer Beiläufigkeit, welche die Schwere des Bildes erst durch die kühle Produktion von [PIAS] Recordings Germany spürbar macht. Hier wird Pop nicht als Tröster, sondern als Analysator von Zerfallsprozessen eingesetzt.
In „Du musst gar nix“ schlägt die Methode ins Funktionale um. Der Slap-Bass und die Cowbells evozieren eine Funk-Tradition, die jedoch durch die lakonische Verweigerungshaltung des Textes gebrochen wird. Die Befreiung von Optimierungszwängen gerät durch die stoische Wiederholung zur fast schon bedrohlichen Litanei. „Du kannst dich auch einfach so verlaufen“, lautet das Angebot einer künstlerischen Freiheit, die keine Ziele mehr braucht, um existenzberechtigt zu sein. Es ist die radikale Konsequenz einer Diskografie, die sich nun endgültig von der Pflicht zur Hymne verabschiedet hat.
Die ästhetische Konsequenz dieser Selbstverortung liegt in einer Souveränität, die sich aus der Fragmentierung speist. Frank Spilker nutzt die Trümmer der Hamburger Schule, um ein mobiles, anschlussfähiges System zu errichten, das im Vergleich zu den geschlossenen Einheiten der Neunzigerjahre weitaus belastbarer wirkt.
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