SCOUT GILLETT Tough Touch
SCOUT GILLETT fängt auf TOUGH TOUCH die langanhaltende Melancholie wechselnder Lebensentwürfe ein. Zwischen Country-Twang sowie Grunge-Ausbrüchen verhandelt das Album die Notwendigkeit des Loslassens als musikalische Strategie. Die Produktion von Stuart Sikes verleiht diesen persönlichen Einschnitten eine bemerkenswerte physische Tiefe.
Der Verzicht auf die ätherische Unverbindlichkeit des Debüts markiert die erste strategische Setzung auf „Tough Touch“. Scout Gillett entscheidet sich gegen die bloße Fortführung des Southern-Gothic-Narrativs ihrer ersten Veröffentlichung. Vielmehr nutzt sie die Produktion von Stuart Sikes, um eine klangliche Härte zu etablieren, welche die thematische Fragilität nicht etwa schützt, sondern radikal ausstellt. Die Inszenierung auf dem Albumcover, die eine nackte, zusammengekauert sitzende Pose zeigt, fungiert hierbei als visuelle Entsprechung dieser künstlerischen Neuausrichtung. Es handelt sich um eine bewusste Entblößung, welche die Differenz zwischen der physischen Unmittelbarkeit sowie der klanglichen Distanzierung durch Grunge-Elemente zuspitzend verdeutlicht. Gillett verortet sich in einer Tradition, welche die Verletzlichkeit als aggressives Element begreift.
In „Too Fast to Last“ materialisiert sich diese Strategie in einer Dynamik, welche Vergleiche zu Bully provoziert. Die Musik fungiert hier als Konsequenz einer Entscheidung für mehr Volumen sowie kontrollierte Verzerrung. Diese Neuausrichtung dient als Kontrastfläche zu den lonesome Guitars in „Gonna Change“. Hier greift Gillett auf das Vokabular des Honky-Tonk zurück, um die Unausweichlichkeit von Veränderung als ästhetisches Prinzip zu fixieren. Die Zeile „I’m giving up this dream I had“ verliert in diesem Arrangement jeglichen sentimentalen Beigeschmack. Die Mitwirkung von Jason Frey am Saxophon sowie Omar Schambacher an der Gitarre erweitert das klangliche Spektrum um eine Farbe, die den Song aus der reinen Country-Tradition löst.
Die Entscheidung, große Teile des Albums live in Austin einzuspielen, unterstreicht den Anspruch auf eine unmittelbare Materialität. In „Secret Life of Trees“ wird die traumatische Erfahrung eines Sturzes nicht rein biografisch nacherzählt. Die klangliche Struktur mit Griffin Jennings an der Gitarre sowie Josh Jaeger am Schlagzeug entwickelt sich vielmehr zu einer psychedelischen Spirale. Scout Gillett instrumentalisiert die Atemnot als kompositorisches Mittel. Das Album schließt mit dem Titelstück „Tough Touch“, welches als Julee-Cruise-Reminiszenz beginnt, bevor es in einem wortlosen Schrei kulminiert. Diese ästhetische Konsequenz führt die bisherige Diskografie in eine Zone, in der die Stille nur noch als Nachhall einer vorangegangenen Eruption existiert.
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