MELODY’S ECHO CHAMBER Bon Voyage
MELODY’S ECHO CHAMBER nimmt uns mit auf eine vielsprachige Reise durch Ekstase und Überforderung, getragen von radikaler Spiellust, gebrochenen Biografien, suchenden Stimmen, taumelnden Rhythmen. Ein Album wie ein Rücksturz ins Licht, fiebrig erzählt, reich an Brüchen, eigenwillig konstruiert.
Die Geschichte hinter „Bon Voyage“ bildet einen ungewohnten Resonanzraum für ein Album, das sich konsequent weigert, Verletzlichkeit in Zurückhaltung zu verwandeln. Melody Prochet kehrte nach einer Phase schwerer gesundheitlicher Einschnitte ins Studio zurück, suchte in Solna die Nähe der Musiker von Dungen und The Amazing und befeuerte ihre Sessions mit einer Unerschrockenheit, die jede Form von Zurückhaltung aushebelt. Die gemeinsame Arbeit mit Reine Fiske, Fredrik Swahn, Gustav Ejstes, Johan Holmegard und Nicholas Allbrook führte zu einem dicht verwobenen Geflecht aus analoger Handarbeit, improvisatorischen Impulsen und bewusstem Kontrollverlust. Über allem liegt Prochet’s Stimme, mal brüchig, mal schwebend, stets verankert in einem klaren Willen zur Erneuerung.
Das Cover verstärkt diesen Eindruck, da es eine überzeichnete Welt aus hybridisierten Figuren, ornamentalen Linien und märchenhaften Szenerien präsentiert, die den geistigen Überfluss der Platte visualisiert und ihre Erzählweise spiegelt. Der Einstieg mit „Cross My Heart“ vermeidet jede erwartbare Struktur. Die straff gezogene Zwölfsaiter öffnet ein scheinbar konventionelles Fenster, löst sich dann aber in schichtweise entfalteten Instrumentalclustern auf. Prochet singt „This is the promise to my heart“ mit einer Direktheit, die im Widerspruch zur hedonistischen Form steht. Die anschließenden Wechsel zwischen Beatboxing, Streichzitaten und Flötenlinien erzeugen ein hörbares Ringen um Richtungskraft. Dieser Impuls setzt sich in „Breathe In, Breathe Out“ fort, das nur oberflächlich als leichtfüßige Miniatur erscheint. Die hypnotische Gitarrenfigur täuscht: Sobald die Zeile „There must be some kind of light to come“ einsetzt, zeigt sich, wie eng Trostsuche und zersplitterte Klangarchitektur aufeinander reagieren.
Mit „Desert Horse“ erreicht das Album seinen konzeptionellen Knotenpunkt. Der Song überführt Prochet’s Motive in ein ungebändigtes Amalgam aus Tuareg-Anklängen, synthetischem Sirren und verstörend verzogenen Vokaleffekten. Die wiederholte Zeile „So much blood on my hands“ verdichtet eine ungefilterte Offenheit, wird jedoch zugleich durch permanente akustische Brechungen relativiert. Die Überladung trägt ästhetisch durchaus, verliert aber in den späteren Passagen an Wirkung, da die Vielzahl der Kontraste kaum Raum für innere Dynamik lässt. „Quand Les Larmes D’un Ange Font Danser La Neige“ erreicht eine stärkere Balance. Der ätherische Beginn, gefolgt von Nicholas Allbrook’s Spoken Word, verleiht dem Stück einen klaren dramaturgischen Fokus. Die Zeilen „I found somewhere to hide, someone to be held by“ füllen den Song mit einer Verletzlichkeit, die über die Ornamentik hinausführt.
Das Finale nutzt seine Länge überzeugender als andere Stücke dieses Albums, da die großflächigen Drumfills hier nicht bloße Effekte bleiben, sondern Teil einer fließenden Entwicklung werden. „Visions of Someone Special, On a Wall of Reflections“ zeigt erneut Prochet’s Fähigkeit, melodische Feinheiten hervorzuheben, sobald die Arrangements sich zurücknehmen. Die französischen Lyrics verleihen dem Stück eine Wärme, die im restlichen Album oft unter dem Gewicht der Experimente verschwindet. „Shirim“ schließlich beendet die Platte mit einem fast spielerischen Funkmoment, der allerdings eher durch seine Skizzenhaftigkeit auffällt als durch nachhaltige Form. Dieser Eindruck zieht sich durch das gesamte Album: „Bon Voyage“ besitzt berührende Momente, die jedoch häufig im Überangebot an Ideen erodieren.
Die Zusammenarbeit mit Dungen und The Amazing eröffnet zwar ein weites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten, führt aber zugleich zu Passagen, deren ziellose Exzentrik der emotionalen Dichte die Klarheit nimmt. Prochet entwirft eine Welt voller Sehnsucht nach Transformation, riskiert dabei allerdings ein Maß an Überfrachtung, das die innere Spannung zunehmend nivelliert. Trotz bemerkenswerter Passagen bleibt „Bon Voyage“ ein Werk, das mehr fasziniert als überzeugt, da es dem eigenen Übermut selten Grenzen setzt.
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