LED ZEPPELIN Led Zeppelin II
LED ZEPPELIN entfachen eine elektrische Verdichtung, die Gitarren wachsen zu wuchtigen Flächen, die Stimme lodert rau auf, die Rhythmusstruktur drängt vorwärts, die Langspielplatte wirkt wie ein kraftvoller Vorstoß in einen neu vermessenen Bluesrock.
Wer dieser Tage die zweite Langspielplatte von Led Zeppelin auflegt, spürt sofort, dass sich hier eine Gruppe mit neuer Vehemenz an ihre eigene Klangidee herantastet, während sie zugleich die amerikanische Blues-Tradition als Fundament nutzt. Die Studioproduktion, unter wechselnden Bedingungen entstanden, trägt eine eigentümliche Mischung aus improvisierter Spontaneität, präziser Kontrolllust und jener britischen Experimentierfreude, die zwischen Konzertsaal, Verstärkerwand und Aufnahmeraum immer neue Wege sucht. Aus den Lautsprechern treten Gitarren, die nicht mehr nur begleiten, sondern ein ganzes Klangkörper-Gefüge dominieren: massive Riffgebilde, offene Akkorde, breit ausgelegte Verzerrungen, deren Konturen sich auf der Tonspur unruhig bewegen.
In „Whole Lotta Love“ erhebt sich dieser Ansatz unmittelbar. Robert Plant’s Stimme flammt rau auf, steigt in ekstatische Höhen und stemmt sich entschlossen gegen die Gitarrenflut. Jimmy Page formt das Spannungsverhältnis zwischen elektrischer Wildheit und gezielter Studiogeste mit einer Reihe von Rückkopplungen, abrupten Volumenschwällen und Riffs, die kaum verhallen, bevor die nächste Welle anschwillt. Die Gruppe verschiebt ihr Zusammenspiel in eine intensivere Verdichtung, in der John Paul Jones’ Basslinien wuchtig nach vorne treten und John Bonham’s Schlagzeugfiguren ungestüm in die Zwischenräume fahren. „Heartbreaker“ wirkt wie ein Versuch, die Bühne in den Aufnahmeraum zu verlegen: ein Solo, das wie ein kurzer Sturz in freie Gefilde erscheint, bevor die Rhythmusstruktur wieder zusammenschnappt.
„Ramble On“ zeichnet eine weichere Kontur, jedoch ohne den fließenden Zug der Platte zu unterbrechen. Die Harmonien sind deutlich vom Blues getränkt, zugleich aber durchsetzt mit improvisatorischen Ausuferungen, die das Spannungsverhältnis zwischen traditioneller Form und elektrischer Dehnung offenlegen. Die Frage, ob diese Langspielplatte den Bluesrock des Jahres 1969 auf einen neuen Scheitelpunkt führt, bleibt bewusst schwebend. Einerseits artikuliert die Gruppe eine dichter konzentrierte Form kollektiver Virtuosität, bei der jedes Instrument einen Raum beansprucht, den frühere Produktionen kaum freigegeben hätten. Andererseits überstrahlt die enorme Wucht mancher Arrangements gelegentlich die filigranen Details, die in leiseren Passagen aufblitzen.
Der Eindruck einer Band, die zugleich voranstürmt und tastend experimentiert, verweigert ein eindeutiges Urteil. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität dieser Aufnahme: ein riskanter Vorstoß in Zonen, in denen der Blues noch fremd wirkt, doch dadurch neue Wege eröffnet.
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