BRANDI CARLILE Returning To Myself
BRANDI CARLILE sucht in scharfer Klarheit nach Selbstbehauptung inmitten von Überreife, Verlust und Nähe auf RETURNING TO MYSELF und verwandelt ihre Müdigkeit in eine schonungslose Selbstprüfung zwischen folkgetönter Nüchternheit und orchestrierter Zärtlichkeit.
In den vergangenen Jahren hat Brandi Carlile fast alles ausprobiert, was ein Künstlerleben hergibt: große Kollaborationen mit Ikonen, hymnische Auftritte, orchestrierte Hommagen. Auf „Returning To Myself“ zieht sie die Bilanz dieses Übermaßes, ohne Pathos, fast mit Entsetzen über das eigene Verlangen nach Nähe. Dass sie das Album ohne ihre gewohnten Harmoniepartner Phil und Tim Hanseroth aufgenommen hat, wirkt nicht wie eine Distanzgeste, sondern wie ein notwendiges Leerräumen. Zwischen den Texturen von Aaron Dessner’s stiller Handschrift und Andrew Watt’s kontrolliertem Glanz tastet Carlile nach einer Sprache, die weder predigt noch bittet. Ihr Gesang bleibt souverän, aber er flackert: in „A War With Time“ zittert jeder Atemzug über der brüchigen Produktion, Justin Vernon haucht eine ferne Antwort hinein, als würde Bon Iver die Erinnerung auslöschen wollen.
Im Titelsong schreibt Carlile gegen das Pathos der Selbsthilfe an: „How is alone some holy grail?“ fragt sie und zerstört damit die bequeme Idee von Erlösung durch Isolation. Sie singt nicht, um Trost zu spenden, sondern um den Widerspruch auszuhalten, dass Zugehörigkeit erst dann gelingt, wenn man sie verliert. „Human“ zitiert die Gestik klassischer Rockballaden, doch unter der Oberfläche lodert Müdigkeit: kein Triumph, kein Glanz, nur das Bewusstsein, dass Verletzlichkeit die letzte Form von Stärke bleibt. „Church & State“ greift nach politischer Wucht, gerät aber etwas zu plakativ, während „Anniversary“ das private Scheitern mit bedrückender Nüchternheit beschreibt. Diese Ambivalenz prägt das ganze Album – ein Werk über Reue, das sich dem Trost verweigert.
Das Cover zeigt Carlile frontal, das Gesicht unbewegt, mehrere Hände an ihrem Hals und Ohr: ein Bild zwischen Kontrolle und Hingabe. Es ist der passende Spiegel für ein Album, das Berührung sucht, ohne sie zu romantisieren. „Returning To Myself“ ist kein Statement, sondern ein Protokoll des Überdrusses, ein Versuch, inmitten von Erschöpfung Würde zu bewahren. Man spürt, dass Carlile mehr weiß, als sie noch sagen möchte.
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