Zwischen rohem Indie-Rock, nächtlicher Introspektion und schillernder Verletzlichkeit: EERA erschafft mit REFLECTION OF YOUTH ein Debüt voller widersprüchlicher Energien, das zwischen Norwegens Erwartungsdruck und Londons Untergrundszene pendelt und seine eigene Sprache aus Hallräumen, dunklen Synths und unverblümten Bekenntnissen formt.
„Reflection of Youth“ ist ein Album, das aus Rastlosigkeit geboren wurde. Anna Lena Bruland alias EERA, in Norwegen aufgewachsen und längst in London verwurzelt, hat ihr Debüt nicht in einem glatten High-End-Studio produziert, sondern zwischen Kuhglocken und irischen Wohnräumen – auf einem Milchhof in West Wales und in Nick Rayner’s Heimstudio in Cork. Diese Umstände sind mehr als Folklore: Sie erklären, warum die zehn Songs so ungekünstelt, so spröde und zugleich verletzlich klingen. Gleich der Opener „Living“ – „Make me stand, make me rise, help me feel alive“ – wirkt wie ein Hilferuf, der zwischen knurrendem Bass und halligen Gitarren schwebt. Wo frühere EPs tastend waren, tritt EERA hier durch die Tür, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Die ersten Singles zeigen das Spektrum. „Christine“ erzählt von Mut, Rat und Familie, gedämpft und intim, fast wie ein verschollenes St.-Vincent-Demo mit 50er-Jahre-Radiofilter. „I Wanna Dance“ dagegen stampft und treibt, der Bass bedrohlich, der Refrain eine skizzenhafte Flucht aus Finanzdruck, Beziehungskrampf und Alltagsmüdigkeit. In der Albummitte öffnet „Survived“ eine kleine Lichtung – Selbstanerkennung, ein Aufatmen nach Jahren des Suchens – bevor „10 000 Voices“ die Stimmung ins Dunklere zieht, ein langsames Warble, das an Lana Del Rey erinnert. Das Titelstück „Reflection of Youth“ schließlich ist das wohl kompromissloseste: körperlich, verlangend, fast rituell, ein Spiegelbild jener wilden Zwanziger, in denen „man alles herausfinden soll“.
Auch das Cover erzählt davon. Die Künstlerin sitzt in einem plüschigen Sessel, ein transparentes Gewand über dunklen Streifen, links und rechts Tigerfiguren, dahinter alte Geräte und Bilder – eine Bühne zwischen Nostalgie, Kitsch und Selbstinszenierung. Diese Mischung aus Pose und Offenbarung spiegelt sich in der Musik: roher Indie-Rock, düstere Synthflächen, manchmal hymnisch, manchmal brüchig, oft nachts geschrieben und für die Nacht gedacht. EERA ist auf diesem Debüt noch Suchende, aber sie zeigt bereits, dass sie mehr ist als ein Spiegel ihrer Einflüsse. Die Stimme biegt sich zwischen Sharon Van Etten-Eleganz und PJ-Harvey-Schärfe, sie kann flüstern, klagen, explodieren. Dass das Album nicht immer flüssig fließt, gehört zu seiner Ehrlichkeit: Es dokumentiert ein Ringen, kein fertiges Statement.
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