NIRVANA In Utero
NIRVANA zwischen Selbstzerstörung und Sehnsucht: Warum IN UTERO mehr als nur der Nachfolger von Nevermind ist und schon 1993 als radikales, widersprüchliches Statement von Kurt Cobain gilt.
Im Herbst veröffentlichen Nirvana mit „In Utero“ ein Werk, das in seiner Kompromisslosigkeit alles hinterfragt, was der beispiellose Erfolg von „Nevermind“ zuvor ausgelöst hat. Während „Teen Spirit“ die Band vor zwei Jahren vom Underground in die Wohnzimmer katapultierte, sucht Kurt Cobain nun nach einer Sprache, die den Widerspruch zwischen öffentlicher Ikone und privater Selbstzerstörung in Töne fasst. Schon die eröffnenden Zeilen von „Serve the Servants“ – „Teenage angst has paid off well / Now I’m bored and old“ – wirken wie ein Abschiedsgruß an die Leichtigkeit des früheren Erfolgs. Nirvana liefern kein gefälliges Album, sondern ein Dokument der Reibung.
Steve Albini, der Produzent mit Hang zum unpolierten Sound, hat die rohe Energie von „Scentless Apprentice“ und „Milk It“ so eingefangen, dass kaum Platz für Radiokompatibilität bleibt. Die Gitarren scheppern, die Drums wüten, Cobain’s Stimme klingt wie aus einem offenen Riss. Zugleich gibt es Momente, die tiefer gehen als alles zuvor: „Dumb“ lässt Zerbrechlichkeit durchscheinen, wenn Cobain murmelt „My heart is broke / But I have some glue“, und „All Apologies“ erhebt dieses Geständnis zum Mantra einer ganzen Generation. In „Heart-Shaped Box“ bricht er Liebe und Obsession auf bedrohliche Bilder herunter, während „Rape Me“ mit einer verstörenden Direktheit provoziert, die kaum ignoriert werden kann.
Das Cover bringt diesen Zwiespalt auf den Punkt: eine anatomische Frauenfigur mit ausgebreiteten Flügeln, halb himmlisch, halb klinisch. Sie scheint aus ihrem eigenen Körper herausgeschält, so nackt und verletzlich wie die Texte, die Cobain hier preisgibt. „I miss the comfort in being sad“, singt er in „Frances Farmer Will Have Her Revenge on Seattle“ – ein Satz, der wie ein dunkles Echo über dem ganzen Album liegt. „In Utero“ klingt wie ein Befreiungsschlag, der zugleich mit der Last der eigenen Erwartungen ringt. Es ist ein Album, das 1993 polarisiert. Kein zweites „Nevermind“, kein kalkulierter Hit-Reigen, sondern ein Aufschrei, der zwischen Noise, Schmerz und Schönheit schwankt. Nirvana haben den Mut bewiesen, nicht den Erwartungen zu folgen, sondern die Wunden offenzulegen – und gerade deshalb bleibt „In Utero“ das verstörendste, vielleicht ehrlichste Rockalbum dieses Jahres.
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