Düstere Aufbruchstimmung und kühle Härte prägen die neuen klanglichen Pfade des Berliner Duos. Mit weitreichenden internationalen Einflüssen emanzipieren sich BRUTALISMUS 3000 von den engen Genregrenzen der heimischen Technoszene. Das Ergebnis fasziniert durch eine kontrollierte Dekonstruktion vertrauter Clubstrukturen.
Die obsessive Beschleunigung, mit der Brutalismus 3000 vor drei Jahren auf ihrem Debütalbum „ULTRAKUNST“ die Berliner Clubkultur attackierten, erfährt auf ihrem neuen Werk eine bemerkenswerte formale Verschiebung. War der frühe Sound noch von einer rohen, fast unkontrollierten Gabber-Ästhetik und kompromisslosen Eurodance-Zitaten getrieben, zeigt sich nun eine strukturelle Verfeinerung, die das Moment der bloßen Provokation hinter sich lässt. Die ehemals behelfsmäßig zusammengefügten Rhythmen weichen einer kalkulierten Vielfalt, die sich gezielt im globalen Pop- und Club-Underground bedient, ohne die eigene Herkunft vollständig zu verleugnen.
Das visuelle Leitmotiv des Albums, zu sehen auf dem Cover, verdeutlicht diesen Zustand einer künstlich inszenierten Intimität. Zwei tiefrote Silhouetten, die wie sterile Piktogramme in ein zerwühltes Bett aus weißem Seidensatin eingelassen sind, verhandeln das Verhältnis von Pose und Authentizität in einer hermetischen Pop-Welt. Diese unterkühlte Inszenierung von Zweisamkeit korrespondiert mit der musikalischen Neuausrichtung des Berliner Duos, bestehend aus Theo Zeitner und Victoria Vassiliki Daldas. Für diese Transformation hat sich die Band prominente Schützenhilfe geholt. Die Co-Produktion von Dylan Brady bricht vertraute Workflows auf, während Boys Noize für den clubtauglichen Feinschliff sorgt. Songs wie „Garland“ demonstrieren diese Entwicklung exemplarisch, indem sie peitschende 808-Muster mit Dubstep-Drops kombinieren, die eher auf kollektive Entladung abzielen als auf den traditionellen, hypnotischen Rhythmus der Berliner Szene.
Inhaltlich weiten sich die Bruchlinien der Gegenwart weiter aus, was sich besonders in der veränderten Stimmführung von Daldas bemerkbar macht. In Tracks wie „No Friends at The Company“ weicht das spielerische Shouten einer permanenten, paranoiden Härte. Die Zeile „there are no friends at the border“ fungiert hierbei als analytischer Fixpunkt einer Welt, deren physische und metaphorische Grenzen zunehmend kälter spürbar werden. Diese düstere Grundstimmung erfährt durch die Einbindung externer Stimmen eine reizvolle Brechung. Während die britischen Club-Ikonen Underworld in „Friends At The Pigshed“ eine fast melancholische Offenheit einbringen, sorgt der Gastauftritt der Schauspielerin Anya Taylor-Joy in „Morning Is For The Happy“ für einen Moment stoischer Entschleunigung, indem sie ein unterkühltes Gedicht über den emotionalen Kater nach dem Exzess rezitiert.
Betrachtet man das Album im Kontext der bisherigen Diskografie, die über die Remix-Platte „GOODBYE SALÓ THE REMIXES“ bis zu den ersten viralen Internetphänomenen zurückreicht, markiert dieses Werk eine fundamentale Neuverortung. Die ursprüngliche Verankerung im regionalen Hard-Techno-Zirkel wird zugunsten einer eklektischen, internationalen Klanglandschaft aufgegeben, die Dubstep, Trap und Nu Metal völlig gleichberechtigt neben elektronische Härte stellt. Die Band löst sich von der geografischen und stilistischen Fixierung auf Berlin und etabliert ein global ausgerichtetes, disparates Pop-Modell, das Gegensätze nicht mehr glättet, sondern als strukturelles Prinzip begreift.
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