St. Vincent – Daddy’s Home

Vergessen sei alles, was wir über ST. VINCENT zu wissen glaubten, denn dies ist Annie Clark 2.0, die von einer alternativen Realität ausgestrahlt wird und bereit ist, uns um den Verstand zu bringen.

Das Herzstück des neuen Albums ist wohl das Epos „Live in the Dream“ – es ist zugleich das Highlight auf einem Album voller unglaublicher Momente. Es ist geräumig und psychedelisch und von mondheller Atmosphäre durchtränkt. Es nimmt sich die Zeit, Clark’s geliebten Pink Floyd zu huldigen und den Hörer ohne Steuerrad auf einer von Sternen gesäumten Straße irgendwo im Weltall treiben zu lassen. Annie Clark verzaubert uns mit Ihrem sechsten Album unter dem Namen St. Vincent und hat auf gute Weise etwas von ihrer Schärfe aus vergangenen Tagen verloren. Ihr Sound ist wärmer, weicher, gefühlvoller und liefert uns sogar etwas verdrehten Pop, wenn sich Sheena Easton’s Hymne an die Hausfrau („My baby takes the morning train“) in ein lesbisches Liebeslied verwandelt (My Baby Wants A Baby).

Sie bringt die tiefe Angst jeder weiblichen Kreativen auf den Punkt: Sie wird vom Kinderwagen in der Empfangshalle von der Arbeit abgehalten. Bald dreht sich Clark. Sie wird keine nach ihr benannten Straßen haben, weil sie keine Symphonien geschrieben hat. Und was würde das Baby sagen? „I got your eyes and your mistakes.“ Die Qual ist in ihren Liedern nie weit weg. „You got to/ Pay your way in/ Pain!“ knurrt die erste Single dieses exzellenten Albums. Es werden sehr viele Währungen akzeptiert – und Clark hat viele verschiedene Banknoten in ihrer Handtasche. „Pay Your Way In Pain“ ist ein synthgetriebenes Heulen über die Grausamkeiten der menschlichen Verfassung. „The Melting Of The Sun“ ist roh, unerbittlich und explodiert wie eine emotionale Supernova.

Clark blickt über den Tellerrand hinaus und präsentiert uns mit „Daddy’s Home“ ein warmes, reiches Farbenspiel, eine gefühlvolle Platte, in der sie ihrer Liebe zum schmutzigen alten New York der 70er Jahre huldigt.

8.4