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Albumcover von Selva von Marta Del Grandi mit ruhiger, reduzierter Bildästhetik.
ALBUM

Selva MARTA DEL GRANDI

2023
MSTAX ALBUMPROFIL

MARTA DEL GRANDI entwirft mit SELVA ein Album der kontrollierten Offenheit, das Stimme und Arrangement in ein fragiles Gleichgewicht bringt und auf Wirkung durch Zurücknahme setzt.

Die Stimme steht am Anfang dieses Albums nicht als Behauptung, sondern als Suchbewegung. Sie tastet sich durch die Stücke, prüft Resonanzen, zieht sich zurück, setzt neu an. Marta Del Grandi singt selten frontal. Oft wirkt es, als würde sie ihre Linien um die Instrumente herumlegen, nicht darüber. Diese Haltung prägt „Selva“ stärker als jede stilistische Zuschreibung. Es ist ein Album, das sich über Präsenz definiert, nicht über Geste.

Die Arrangements bleiben bewusst durchlässig. Live-Drums, Saxophon, Cello und elektronische Texturen greifen ineinander, ohne sich gegenseitig zu dominieren. Entscheidender als die Einzelteile ist der Fluss zwischen ihnen. Stücke wie „Mata Hari“ oder „Eye of the Day“ entwickeln Spannung nicht über Steigerung, sondern über Verschiebung. Motive tauchen auf, werden leicht variiert, verschwinden wieder. Diese Beweglichkeit verleiht dem Album Tiefe, birgt aber auch Risiken. Nicht jede Idee wird konsequent ausgespielt. Manches bleibt Andeutung, wo Zuspitzung möglich gewesen wäre.

Del Grandi’s Gesang profitiert von ihrer Jazz-Ausbildung, ohne sich darauf zu reduzieren. Sie nutzt die Stimme als strukturelles Element, nicht nur als Träger von Text. In „Snapdragon“ etwa wird sie Teil der rhythmischen Architektur, während „Two Halves“ auf Reduktion setzt und genau dadurch Wirkung entfaltet. Diese Wechsel sind klug gesetzt, verlangen dem Album jedoch Aufmerksamkeit ab. „Selva“ funktioniert kaum im Vorbeihören. Wer sich nicht einlässt, könnte die feinen Unterschiede zwischen den Stücken als Gleichförmigkeit missverstehen.

Inhaltlich kreist das Album um Beziehung, Verlust, innere Unruhe. Die Texte bleiben offen genug, um Projektion zuzulassen, vermeiden aber private Überdeutlichkeit. Gelegentlich geraten Metaphern nah an vertraute Bilder, was die suggestive Kraft leicht abschwächt. Das schmälert nicht die Ernsthaftigkeit, relativiert aber den Anspruch, Neuland zu betreten. „Selva“ überzeugt dort am stärksten, wo Zurückhaltung zur Entscheidung wird. Nicht jedes Stück bleibt dauerhaft präsent, doch das Album behauptet eine klare Haltung: Musik als Raum, nicht als Statement. Diese Konsequenz trägt weit, auch wenn sie nicht jede Erwartung erfüllt.

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Das Album anhören

Anspieltipps: Snapdragon, Two Halves, Mata Hari

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