MARGARET GLASPY entwirft auf I AM BOTH eine kompromisslose Ästhetik der Ambivalenz zwischen rauer Intimität und analytischer Schärfe. Das Album verbindet intime Songwriter-Poesie mit reduzierten Arrangements und lässt tief blicken.
Ein trockenes, ungeschöntes Fingerpicking eröffnet den Raum, ehe eine verletzte, aber betont unnachgiebige Stimme die Regie übernimmt. Es ist kein Zufall, dass auf dem Cover ein Prisma das Gesicht der Musikerin bricht; die Optik behauptet keine künstliche Überhöhung, sondern verweigert die einfache, eine Wahrheit zugunsten doppelter Konturen. Margaret Glaspy nutzt diese Brechung auf ihrem vierten Studioalbum nicht als Pose, sondern als methodische Grundlage. Wo die früheren Arbeiten wie „Devotion“ in opulente Produktion auswichen oder auf „Echo the Diamond“ die elektrische Vehemenz suchten, rückt die von Joe Henry betreute Produktion in den New Yorker Reservoir Studios das Handwerk auf das Wesentliche zurück.
In Begleitung von Jay Bellerose an den Drums sowie Patrick Warren an den Tasten entfaltet sich eine minimalistische Dynamik. Das Schlagzeug skizziert Räume, anstatt sie auszufüllen, während der Bass von Ross Gallagher das Fundament stützt. Über diesem kargen Gerüst verhandelt Glaspy die Mechanik zwischenmenschlicher Reibungen. Im Eröffnungsstück “Michigan” verknüpft sie geografische Distanz mit emotionaler Entfremdung, wenn sie dem nächtlichen Aufkreuzen des Ex-Partners mit eiskalter Logik begegnet: „You said you didn’t need me / Well who’s standing in whose driveway“.
Die Lyrik funktioniert dabei als zentraler Motor der Ernüchterung. Im Titelstück “I Am Both” zerlegt sie die Erwartungshaltung des Gegenübers in knappen, fast beiläufigen Dialogen. Auf die Frage, ob sie mutig oder grausam sei, antwortet die Songwriterin mit konsequenter Verweigerung einer eindeutigen Zuschreibung. Es ist genau diese Schärfe, die sich durch Stücke wie “Common Ground” zieht, wo der politische und private Verrat in dieselbe analytische Form gegossen wird.
Selbst wenn der Blick nach außen geht, wie in “Martin Luther King Jr.”, entgeht das Album der Falle der bloßen Deklaration. Glaspy bettet das historische Zitat über die Macht des Lichts gegen die Dunkelheit direkt in das Porträt einer Obdachlosen ein und nutzt das Narrativ als Reibungsfläche für die eklatanten Lücken des amerikanischen Versprechens. Die Arrangements bleiben strikt diszipliniert, verweigern den Ausbruch ins Pathos und vertrauen ganz der brüchigen Resonanz der vokalen Nuancen.
Mit diesem Werk schließt Margaret Glaspy die Kette zu ihrem Debüt „Emotions and Math“, verschiebt jedoch die Koordinaten. Was vor zehn Jahren als stürmische Ansage einer jungen Gitarristin begann, manifestiert sich nun als ausgereifte, formale Reduktion, in der jedes Wort und jeder Ton die Verantwortung für das Ganze trägt. „I Am Both“ markiert in ihrer Diskografie den Punkt, an dem das Erreichen von Intimität nicht mehr über Lautstärke oder stilistische Abkehrtage erzwungen wird, sondern über das unnachgiebige Aushalten innerer Widersprüche.
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