Suche läuft …

IKONIKA SAD

2025

IKONIKA verschiebt auf SAD ihr Klangbild zwischen Clubenergie und verletzlicher Selbstsuche: ein elektronisches Popalbum voller Reibung, Tiefe, Klarheit.

Die Londoner Produzentin Sara Chen hat seit den frühen Hyperdub Jahren eine Position, die sich selten anbietet: respektiert im Clubkontext, doch oft im Schatten der eigenen technischen Virtuosität. Mit „SAD“ löst sie diese Selbstbegrenzung auf, indem sie als Sängerin, Songwriterin und Produzentin gleichermaßen agiert. Der Schritt wirkt nicht wie ein dramatischer Bruch, sondern wie eine Entwicklung, die lange vorbereitet wurde. Die persönlichen Umwälzungen der vergangenen Jahre liefern den emotionalen Unterstrom: Elternschaft, ein Coming Out als queere und trans Person, eine späte Autismusdiagnose, die rückblickend vieles ordnet. Die Stimme wird zum Werkzeug der Selbstverortung, manchmal beschwörend, manchmal brüchig, häufig in mantrischen Wiederholungen wie „Are you even listening?“ oder „Feel it now, feel your love“.

Apple Music – Cookies nötig.

Die Songstruktur orientiert sich stärker an Pop als an ihrem früheren, strengeren Clubansatz. „Listen To Your Heart“ legt die Richtung fest: schimmernde Synthflächen, nervös verschachtelte Rhythmen, eine Stimme, die fast flüstert, während die Produktion Druck erzeugt. „Gone“ zieht den Log Drum aus ihrem Amapiano Fundus nach vorn und zeigt, wie Chen ihr Rhythmusgefühl zugunsten einer erzählerischen Linie ausdehnt. „Take Control“ fragt in stakkatohaften Phrasen nach logischen und illogischen Entscheidungen, die Verschachtelung wirkt bewusst angespannt. „Slow Burn“ öffnet die Tür zum Club: Handpercussion schiebt, Pads zittern, das Stück verweilt lange in einer Art gleitender Schwebespannung.

„WHATCHUREALLYWANT“ zeigt am klarsten, wie Chen Herkunft, Archivwissen und persönliche Geschichte verbindet. Der Einsatz der Tabla Muster, die der Vater in der Kindheit vermittelte, bildet ein pulsierendes Gerüst, über dem sie eine steinerne, fast stoische Präsenz entfaltet. „Sense Seeker“, gemeinsam mit JLSXND7RS, gehört zu den ambitioniertesten Momenten: hypnotische Triplets, ein Refrain, der sich in chimeartige Flächen zurückzieht, eine Melodie, die im Mittelteil kurz an Atemlosigkeit grenzt. „Your Vibe“ rückt die Intimität nach vorn, weich, aber nie sentimental. Mit „Drums1 (Take It)“ liefert SHE Spells Doom einen der klarsten Eingriffe von außen. Die Nummer wirkt schnörkellos, dennoch geladen, ihr musikalischer Kern bleibt in stetiger Bewegung. 

Bandcamp-Player – Cookies nötig.

Der finale Beitrag von Tice Cin auf „Make It Better“ setzt einen harten Kontrast zur zuvor dominanten Introspektion. Cin spricht in Bruchstücken, die sich wie Notizen aus einer schlaflosen Nacht anfühlen, während im Hintergrund elektronisches Tropfen auf 8 Bit Geräusche trifft. Der erzählte Bogen schließt sich dadurch nicht, er verrutscht leicht zur Seite und erscheint anschließend schärfer konturiert. Das Albumcover verstärkt diesen Eindruck. Eine einsame Gestalt steht in regungslos graugrünem Wasser, der Kopf leicht geneigt, umgeben von einer stillen, beinahe indifferenten Natur. Die grünen grafischen Formen am Rand wirken wie Markierungen, die Orientierung anbieten, jedoch keinen tatsächlichen Ausweg zeigen. 

Diese Spannung zwischen Selbstsuche und äußerer Ruhe findet sich in vielen Songs wieder. „SAD“ ist kein triumphaler Neuanfang, sondern ein Werk, das Verletzlichkeit präzise artikuliert. Die Albumstruktur hält eine innere Logik, der man folgen kann, auch wenn manche Stücke in ihren repetitiven Phrasen weniger tragen. Einzelne Passagen bleiben in atmosphärischer Erkundung stecken und verlieren an dramaturgischer Schärfe. Wo Intensität entsteht, erwächst sie aus rhythmischer Raffinesse und einem wachen Gespür für emotionale Nuancen. Ikonika gelingt ein vielseitiges, forderndes Album, das die eigene Metamorphose hörbar macht, ohne sich in Symbolik zu verlieren.

Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.

81
fotografie
2025
SAD
ME-0314-NG

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

close-up
2005
Martha Wainwright
ME-0310-KR
objekt
2025
HEARTS SOLD SEPARATELY
ME-0311-PR
schriftbild
2025
Dreams Go
ME-0312-KR
portrait
1999
There Is Nothing Left to Lose
ME-0313-NG
close-up
2003
Identity Crisis
ME-0315-NG
close-up
2020
To Myself
ME-0316-RR
landschaft
2019
A New Illusion
ME-0317-MO
portrait
2014
I Never Learn
ME-0318-TS