Düstere Electroclash-Melancholie trifft auf intime Pop-Vulnerabilität: Das neue Album THE LABEL von FARCE berauscht mit klanglicher Schärfe und kompromissloser emotionaler Offenheit.
Eine gepfiffene Melodie im Outro, die wie eine beiläufige Geste der Erleichterung wirkt, bricht die vorangegangene Dichte auf. Dieses isolierte Detail steht am Ende eines Openers, der ohne jede theatralische Verzögerung mit harten Gitarrenriffs einfordert, was die nachfolgenden siebenundzwanzig Minuten bestimmen wird. Es geht um eine kühl sezierte Intimität, die sich jeglicher weichgespülten Pop-Konvention verweigert. Veronika J. Koenig, die unter dem Künstlernamen Farce agiert, etabliert diese scharfkantige Ästhetik als direkte Konsequenz einer Do-it-yourself-Haltung, die im Kontrast zu früheren, stärker im Underground verorteten Produktionen eine bemerkenswerte formale Schärfe gewonnen hat. Das Album verzichtet auf Label-Strukturen im klassischen Sinn, verhandelt dafür aber umso intensiver die Last und Befreiung von Zuschreibungen aller Art.
Diese bewusste Inszenierung spiegelt sich auch auf visueller Ebene wider, wie das Cover demonstriert. Gefangen in einem wuchtigen, organisch-zerklüfteten Silberrahmen von Frances Stusche, präsentiert sich die Musikerin in einer distanzierten, fast künstlichen Pose, die mit einer Lederjacke und Kapuze Schutz sucht, während sie gleichzeitig die eigene Verwundbarkeit in einem starren Korsett ausstellt. Es ist das perfekte visuelle Äquivalent zu der hier verhandelten Dynamik: eine strikt kontrollierte Oberfläche, unter der die emotionalen Abgründe brodeln. Der Rahmen schützt nicht, er isoliert das Subjekt und hebt den artifiziellen Charakter der Pop-Identität hervor.
Die Songs funktionieren in dieser Architektur als präzise gesetzte Argumente, die von der gelernten Mische von Lara Voill mit wuchtigen Bässen und clubtauglicher Kälte ausgestattet wurden. In „Cherry Angioma“ wird das körperliche Unbehagen an harmlosen Hautwucherungen festgemacht, um eine intensive Sehnsucht nach Nähe zu transportieren: „Ch-ch-ch-cherry angioma / You’re gonna put me in a coma“. Diese Reduktion auf das Wesentliche setzt sich im gesamten Werk fort. Wo in „Migraine Sex“ die totale Überstimulation in liebevoller Nähe kollidiert, greift Koenig zu einer fast resignierten Offenbarung: „I can’t see anything / Out of my reach“. Die enge Zusammenarbeit mit Sakura Katsuura Chow an den Vocals sorgt dafür, dass diese Verletzlichkeit trotz der hämmernden Beats niemals ins Sentimentale abgleitet.
Die stilistische Verschiebung, die sich durch diese Veröffentlichung in der Diskografie abzeichnet, markiert den Übergang von einer suchenden Avantgarde-Ästhetik hin zu einem extrem fokussierten, dunklen Pop-Entwurf. Während frühere Arbeiten oft im dichten Nebel experimenteller Soundscapes verharrener schienen, zeigt sich nun eine klangliche Direktheit, die keine Ausflüchte mehr duldet. Die Songs behaupten sich als kompakte, energetische Einheiten, die ihre Reibung aus der Spannung zwischen cluborientierten Rhythmen und lyrischer Schonungslosigkeit beziehen. Am Ende steht eine gefestigte künstlerische Position, die ihre eigene Fragilität nicht länger versteckt, sondern als tragendes, strukturierendes Element einer geschlossenen Pop-Identität begreift.
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