BOY – We Were Here

Dass wahre Schönheit tatsächlich nur im Auge des Betrachters resp. Ohr des Zuhörers liegen soll, das mag man angesichts des neuen Albums von BOY nicht recht glauben. Irgendwo muss sich doch eine universelle, objektive Komponente unterbringen lassen, die besagt, dass in Ausnahmefällen zum einen schon die Schöpfer auserlesener Momente spüren, was sie da im besten Sinne angerichtet haben und dass weiterhin in sehr seltenen Fällen nichts und niemand den Zauber jener Momente in Zweifel ziehen kann und darf. Valeska Steiner und Sonja Glass, das schweizerisch-hanseatische Joint-Venture, von dem hier die Rede ist, verfügen ja über eine gewisse Übung, was solche Prädikate angeht – schon vor vier Jahren war es kaum möglich, den zarten und geschmeidigen Tönen ihres Debüts »Mutual Friends« zu entkommen, keine Kaffee-Lounge, keine Nachtbar, nicht mal ein Spa, niemand konnte und wollte ohne diese fabelhafte Platte auskommen. Dass das mit dem neuen, zweiten Album nicht viel anders sein wird, haben die beiden schon früh ahnen können – „schön“ sei die Zeit des Tourens, vor allem nach Amerika und Japan, gewesen, „schön“ auch der lange Aufenthalt im Studio, „schön“ sogar der Kontakt mit dem Labelboß Grönemeyer, der ihnen jeglichen Erfolgsdruck nehmen konnte. Kein Wunder also, dass sich daraus wiederum nur „Schönes“ entwickeln konnte. Doch wer „schön“ mit „unverändert“ gleichsetzt, der fehlt, denn BOY haben sehr wohl einige Schrauben gedreht auf dem Weg zum stets so schwierigen Nachfolger. »We Were Here« erscheint im Vergleich zu »Mutual Friends« voller und vielschichtiger, anstelle der reduzierten, oft akustischen Klänge treten nun facettenreiche Synthesizer-Spuren, raumgreifende, schillernde Gitarren – ihre größten Pfunde wiederum, die ausgefeilten Melodien und Steiners sanfte Stimme, haben sie sich bewahrt. Nicht mehr als neun Titel sind es denn geworden, diese dafür aber allesamt von bestechender Qualität. Das Reisen nimmt naturgemäß im Leben einer Band großen Platz ein, warum das also nicht zum Hauptthema der Platte machen. Hotels, Mega-Cities, Schlaflosigkeit – „checking in and checking out, nothing to write home about“, die Licht- und die Schattenseiten des steilen Aufstiegs angerissen. Wenig Kontroverses, dafür viel Gefühl und sparsam dosierte Ironie, „I’ll cry rivers and oceans, before I’ll get over it“, man hört einen neuen, lakonischen Unterton und er gefällt. Ein schlechtes Gewissen muß man ob des Wohlgefühls jedenfalls nicht bekommen, nach einer guten halben Stunde ist es ohnehin schon wieder vorbei – ab dann hilft nur noch die „Repeat“-Taste.

9.2