TOFUSMELL All My Time
Rae Chen inszeniert auf seinem Debütalbum ALL MY TIME eine fragile Suche nach Identität in der Isolation. Zwischen flüsterndem Folk und elektronischer Textur entwirft TOFUSMELL eine dichte Atmosphäre, die uns unmittelbar in seine intime, oft verwirrte Gedankenwelt zieht.
Die Bewegung ist das zentrale Problem dieser Musik, doch sie findet bezeichnenderweise auf der Stelle statt. Wenn Rae Chen in „Cravings“ davon singt, lieber krank als gelangweilt zu sein, etabliert er eine Statik der Erwartung, die das gesamte Album „All My Time“ von tofusmell durchzieht. Es ist ein Stillstand, der sich klanglich in sanften Akustikgitarren und repetitiven Klavierakkorden äußert, die weniger einen Song strukturieren als vielmehr einen Zustand konservieren.
Diese visuelle Unschärfe der eigenen Existenz setzt sich im Artwork fort, auf dem Chen als verwischte, fast geisterhafte Gestalt in einer nächtlichen Szenerie erscheint. Die Pose des Weggehens wird durch die Langzeitbelichtung zur Unmöglichkeit einer klaren Kontur, was die musikalische Entscheidung spiegelt, sich konsequent der Eindeutigkeit zu entziehen. Es ist kein Bild der Flucht, sondern die Dokumentation einer dauerhaften Transparenz, die sich auch in den doppelt geführten, gehauchten Gesangsspuren wiederfindet.
In Winnipeg mit Keiran Placatka und in Los Angeles mit Paul Larson produziert, bricht das Album die ursprüngliche Schlafzimmer-Isolation nur punktuell auf. Die Zusammenarbeit mit Larson bringt zwar eine dynamischere Live-Band-Energie in Stücke wie „Dreams I’ve Had“ ein, doch bleibt diese Kraft stets seltsam gedämpft, als würde die Musik gegen eine unsichtbare Membran anspielen. „I’m always just a little late / I’m always just a little out of shape“ lautet die lakonische Bestandsaufnahme in diesem Moment scheinbarer Helligkeit, die den strukturellen Kern der Platte markiert: die Akzeptanz des eigenen Unvermögens als ästhetisches Prinzip.
Die klangliche Architektur von „All My Time“ lebt von der akribischen Detailarbeit im Kleinen, etwa wenn in „Pilot Fish“ elektronisches Glitzern und schlurfende Rhythmen eine Gezeitenwirkung simulieren. Tofusmell nutzt diese Texturen nicht als dekorative Schicht, sondern als funktionales Äquivalent zur psychischen Instabilität, die in den Texten verhandelt wird. Das Album endet nicht in einer Katharsis, sondern in der Erkenntnis, dass das ständige Gehen bereits die einzige verfügbare Antwort ist.
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