SQUIRREL FLOWER verfeinert auf SAY A PRAYER TO THE GODS OF GETTING GOING ihre geografische Intimität. Ella Williams verwandelt Tour-Tristesse in ein schimmerndes, stilistisch mutiges Reiseepos zwischen Folk-Melancholie und Shoegaze.
Das Klirren einer zwölfsaitigen Gitarre, gepaart mit dem unerwartet kehligen Ton einer Blockflöte, offenbart die veränderte Haltung sofort. Es ist keine beiläufige Verzierung auf “Reelin”, sondern eine bewusste Setzung: Hier trifft das unruhige Motiv des Unterwegsseins auf eine beinahe manische Sehnsucht nach Verankerung. Auf „Say a Prayer to the Gods of Getting Going“, dem vierten Album für Polyvinyl Records, überführt Ella Williams die lose Geografie ihrer früheren Werke in ein geschlossenes System der Bewegung. Wo „I Was Born Swimming“ (2020) oder „Planet (i)“ (2021) noch punktuelle Koordinaten markierten, erhebt das neue Material die flüchtige Durchreise zur primären Ästhetik.
Das Bild einer asphaltierten Schneise, die sich unter einem schwebenden, geflügelten Rad durch verfremdete Natur zieht, fungiert dabei als treffendes Portal. Dieses Cover beschreibt nicht bloß die Reise als Sujet, sondern verdichtet die inhärente Theatralik einer künstlich hergestellten Rastlosigkeit. Williams inszeniert das Motiv der Straße nicht als romantische Flucht, sondern als Arbeitsplatz und emotionale Reibungsfläche. Die Dynamik schlägt dabei stetig um. In “Cleveland”, das gemeinsam mit ihrem Bruder Nate Williams entstand, bricht ein dröhnendes Shoegaze-Fundament über uns herein. Der Konflikt entzündet sich an konkreten Ortsentscheidungen: „Don’t you want a home in Lakewood? / Back porch with a lakeside view“. Die Geografie wird zum Prüfstein für Bindungsfähigkeit, während verzerrte Gitarrenwände den Rückzug in die Bewegung begleiten.
Gemeinsam mit Produzent Alex Farrar, der bereits auf „Tomorrow’s Fire“ (2023) an ihrer Seite stand, treibt Williams den Kontrast der Mittel auf die Spitze. Neben der spontanen Live-Energie der ersten Aufnahmen in Wisconsin, an denen Musiker wie Andy Krull oder Sofia Jensen beteiligt waren, steht die feingliedrige Ausarbeitung im Studio von Asheville. Das Ergebnis ist eine kontrollierte Explosion. In “Foot Thick Ice” bricht die anfängliche Verhallung in ein massives Slacker-Riff um, während Williams auf “Surfing USA” das Rad der Entfremdung vollends weiterdreht. Wenn sie dort singt: „If I just get on my bike, I’ll outride any heartache“, nutzt sie die Lyrics nicht als bloße Bekenntnisse, sondern als argumentative Scharniere. Es geht um die schmerzhafte Einsicht, dass geografische Distanz keine innere Befreiung garantiert.
Mit „Say a Prayer to the Gods of Getting Going“ vollzieht das Projekt Squirrel Flower eine entscheidende strukturelle Verschiebung innerhalb seiner Diskografie. Die frühere Balance aus intimen Singer-Songwriter-Skizzen und punktueller Lärmausbrüche weicht einer konsequenten Synthese, in der die Dynamiksprünge selbst als gestaltendes Prinzip fungieren. Das Album behauptet sich in der Bandhistorie als jener Punkt, an dem das Motiv des Reisens von einer narrativen Metapher in die klangliche Architektur übergeht.
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