Mit THE ART OF LOSING gelingt Catherine Anne Davies ein brillantes Manifest der Trauer. Das zweite Werk von THE ANCHORESS verwandelt persönliche Abgründe in eine kühle Pop-Architektur. Das Ergebnis ist von faszinierender Präzision.
„Ouch, this is going to hurt“ lautet der unerbittliche Auftakt, ein kühler Befehl zur Selbstaufgabe anstelle einer vorsichtigen Warnung. Wenn Catherine Anne Davies unter dem Synonym The Anchoress diese ersten Worte formuliert, seziert sie den Affekt bereits im Moment des Entstehens. Auf dem Cover fängt ein aufgeschlagenes Buch die Schockwelle ihres Schreis ein – eine Inszenierung, die das Trauma nicht als unberührbare Intimität ausstellt, sondern als hochgradig konstruiertes, literarisches Artefakt ins Licht rückt. Die Schmerzen verlangen hier nach keiner vorsichtigen Betreuung, sondern nach einer extremen Form der ästhetischen Kontrolle.
Diese Kontrolle bestimmt die gesamte Architektur von „The Art of Losing“. Wo das Debütalbum noch stark im narrativen Rahmen einer literarischen Rollenprosa verankert war, rückt Davies nun die strukturelle Zerlegung von Trauer, Gewalt und Verlust in den Mittelpunkt. Die Songs bewegen sich in einem fein austarierten Spannungsfeld zwischen der unnachgiebigen Härte elektronischer Sequenzen und makellos arrangiertem Art-Pop. In „Let It Hurt“ konfrontiert sie das Selbstmitleid mit spitzer Entlarvung: „So now you think you’ve the monopoly on existential melancholy“ seziert die eitle Aneignung von Schmerz als poppige Attitüde. Die Instrumentierung verweigert sich jeder tröstlichen Geste, treibt stattdessen mit präzisen Bassläufen und glasklaren Synthie-Flächen voran.
In der Eigenregie als Produzentin formt Catherine Anne Davies eine bemerkenswert dichte Klangkulisse, die Gastbeiträge souverän integriert, ohne die eigene Dominanz abzugeben. Der Gastgesang von James Dean Bradfield in „The Exchange“ fügt sich nahtlos in die von kühlem New-Wave-Einfluss getragene Dynamik ein, während Sterling Campbell’s Schlagzeugspiel den kalkulierten Druck des Albums verstärkt. Selbst das schmerzhafte „5AM“, das mit reduzierten Klavierakkorden häusliche Gewalt und biologische Traumata verhandelt, bleibt durch seine formale Strenge vor jeder sentimentalen Ausgleitung geschützt.
Im Vergleich zum Vorgänger offenbart das Werk eine deutliche Verschiebung in der künstlerischen Haltung: Während „Confessions of a Romance Novelist“ das Drama über fiktionale Maskiaden und stilistische Zitate suchte, zieht „The Art of Losing“ seine ästhetische Wucht aus der konsequenten Verweigerung narrativer Ausflüchte. Die kunstvoll aufgebaute Distanz schützt die Intimität nicht, sondern schärft den Blick auf die zugrunde liegende Struktur von Traumata. Catherine Anne Davies hat damit ihre künstlerische Position von einer beobachtenden Romancière zu einer kompromisslosen Regisseurin des eigenen Formwillens verschoben.
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