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ALBUM

in grief or in hope BIG|BRAVE

2026
MSTAX ALBUMPROFIL

Beklemmende Düsterkeit paart sich mit einer klanglichen Entblößung. Das kanadische Trio BIG|BRAVE seziert auf seinem zehnten Studioalbum die feinen Nuancen zwischen lähmender Trauer sowie fragiler Hoffnung. Diese elektroakustische Grenzerfahrung fordert die Hörgewohnheiten durch extreme Verzerrungen heraus.

Das zehnte Studioalbum markiert für das Trio aus Montreal eine drastische Verdichtung jener radikalen Reduktion, die ihre bisherige Diskografie auszeichnet. BIG|BRAVE verzichten auf ihrem neuen Werk „in grief or in hope“ weitgehend auf das gewohnte rhythmische Fundament von Schlagzeuger Tony Hudson, der pausiert, wodurch sich die Dynamik grundlegend verschiebt. Stattdessen tritt der langjährige Live-Bassist Liam Andrews erstmals mit im Studio an die Seite von Robin Wattie sowie Mathieu Ball. Unter der Regie von Produzent Seth Manchester im Studio Machines with Magnets wird die rohe Elektrizität der verstärkten Instrumente zu einer physischen Präsenz, die sich deutlich von den kontrollierten, oft kunstvoll arrangierten Drones früherer Veröffentlichungen abhebt.

Diese klangliche Konfrontation findet eine visuelle Entsprechung im Artwork, das eine Abkehr von den vertrauten Malereien oder ästhetisch unscharf fokussierten Fotografien früherer Alben markiert. Die sachliche, beinahe klinische Fotografie eines öffentlichen Abfalleimers bricht mit der klanglichen Intimität der Musik, indem sie Schmerz nicht als erhabene Geste inszeniert, sondern als banales, isoliertes Behältnis gesellschaftlichen Abfalls begreift. Hier wird das Verhältnis von innerer Verzweiflung sowie äußerer Starre verhandelt, ein Motiv, das sich konsequent durch die gesamte Entwicklung der Band zieht.

Thematisch vertiefen die Stücke die fortlaufende Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper als Ort des gesellschaftlichen wie privaten Leids. Während auf älteren Werken wie dem stilistischen Bezugspunkt „Feral Verdure“ aus dem Jahr 2014 eine ungezähmte Wut dominierte, herrscht nun eine sezierende Innenansicht. In „what may be the kindest way to leave“ formuliert Wattie die existenzielle Erschöpfung durch die Zeilen: „Trade this body for a piece of ease / Swallow cures for quiet ease“. Diese Motivik des versehrten Körpers kehrt in „skin ripper“ modifiziert wieder, während die Isolation des Traumas durch die bewusste Manipulation der Stimme mittels Pitch-Correction in „an uttering of antipathy“ eine fast künstliche Entfremdung erfährt. Das Songwriting operiert nicht mehr mit klassischen Steigerungen, sondern nutzt repetitive Loops sowie elektroakustische Fragmente als formale Barrieren.

Der letzte Absatz bricht die mikro-analytische Betrachtung einzelner Songs oder Lyrics vollständig ab. Das Album reiht sich als amorphes Dokument in eine Diskografie ein, die sich kontinuierlich von traditionellen Strukturen schwerer Musik gelöst hat. Die entscheidende ästhetische Verschiebung in der Historie der Band manifestiert sich in der totalen Emanzipation des Feedbacks von einer rhythmischen Taktung, wodurch die physische Masse des Klangs endgültig die Funktion des klassischen Songwritings übernimmt.

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Ein öffentlicher Mülleimer mit einer dunklen Mülltüte auf einem grauen Gehweg.

BIG|BRAVE – in grief or in hope

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Anspieltipps: what may be the kindest way to leave, an uttering of antipathy, skin ripper

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