Pole – Fading

Wir spüren eine überraschende Wärme in dem neuen Album von POLE, wenn er diese acht makellos geformten Klanglandschaften allmählich in ein unruhiges neues Terrain überführt.

Stefan Betke’s Arbeiten aus den Anfangstagen, die unter dem Namen Pole veröffentlicht wurden, bestanden aus den faszinierendsten Klängen, die aus den äußerst aktiven experimentellen elektronischen Kreisen der späten 90er Jahre hervorgingen. Betke’s reduzierte und basslastige Dekonstruktionen wurden von Störgeräuschen aus defekten Geräten heimgesucht, was selbst seinen wärmsten Tracks eine unheimliche Atmosphäre verlieh – die bis heute mit nichts anderem vergleichbar sind. Das siebte Studioalbum „Fading“ kommt nun über 20 Jahre später, seit Betke seine Reise als Pole mit minimalen, fast holographischen Dub-Tracks begann, aber einige der Dinge aus dieser Zeit hat er auch in seine neuen Tracks einfließen lassen.

„Drifting“ begrüßt die Zuhörer mit einer seligen Wolkenbank, von der wir auf auf eine Landschaft blicken, die mit einem schmerzhaften Atem in Flammen steht. „Tangente“ schwingt ohne Prahlerei einem dahinjagenden Schlag hinterher, während „Nebelkrähe“ nach der glänzenden schwarzen Aaskrähe benannt ist und das Herz höher schlagen lässt. Aber es ist mehr Arrhythmie als Herzschmerz, ein schwebendes Schicksal. „Tölpel“ hat eine leichtere Note und reproduziert das ungeschickte Durcheinander der Seevögel, nach denen es benannt ist – aber dann kommt es zu einem Absturz, was daran erinnert, dass das Wort auch für einen Narren Verwendung findet.

Der abschließende Titeltrack vereint die selbstbezüglichen Spannungsspitzen, die langsam kochende Drum-Programmierung und die geschichteten Synth-Melodien, die im gesamten Album Ihren Platz finden und auch dafür sorgen, dass jeder Sound ordentlich organisiert bleibt – wo ein weniger meisterhaftes Arrangement schnell überwältigend wirken kann. Während des gesamten Albums herrscht ein Gefühl langsamer Träumerei, aber es ist oft eher bedrohlich als magisch. Wir erleben hier letztlich ein subtiles Konzept und einen Betke, der sich wieder neu erfindet, ohne dabei Vergangenes zu löschen. Und so verbindet auch diese Pole Platte Neues mit Altem, um verborgene Texturen und absichtlich zusammenstoßende Töne aus der Vergangenheit in neue aufregende Formen zu gießen.

9/10