Love Is All – Two Thousand And Ten Injuries

Ach wie die Erinnerungen aus der Zeit von ‚ Nine Times That Same Song ‚ plötzlich wie eine überdimensionale Blase in unserem Gedächtnis platzt. Lange hörte man nichts mehr von Love Is All, die zweite Platte ‚ A Hundred Things Keep Me Up At Night ‚ erschien in Deutschland mit einem Jahr Verspätung- die Songs faszinierten selbstverständlich auch hier mit einer Überdosis Adrenalin. Eine Eigenschaft die ebenfalls im Jahr 2010 mit dem dritten Studioalbum ‚ Two Thousand And Ten Injuries ‚ nichts an Ihrer Spielfreude und den so typischen sonnigen Melodien verliert. Umarmende Dissonanzen begrüssen uns im Opener ‚ Bigger Bolder ‚, muntere Percussions hüpfen quietschend Auf und Ab, mit einem markanten Schnörkel drängt der Bass von Johan Lindwall in den Vordergrund, abgehackte Töne spendiert Markus Görsch am Saxophon und die Stimme von Josephine Olausson dominiert auch bei dem dritten Werk mit einer stimmlichen Aufhellung und dem Verzicht jeglicher Verzerrungen, wie man es beispielsweise noch aus dem Debüt kannte. ‚ Repetition ‚ verfolgt das erste Mal neue Pfade, die Richtungen verlieren sich in dünnen Tüchern der Mystik und folklorischen Anleihen. ‚ Never Now ‚ verzaubert den Hörer mit einem Duett zwischen kristallisierten Gitarren und einer synthetischen Panflöte. Es ist schlussendlich wunderschön anzusehen, man möchte den Blick auch danach nicht mehr abwenden, denn die traumhaften Harmonisierungen von ‚ Never Now ‚ schweben noch lange über unsere Köpfe. Insgesamt zeichnet sich bereits nach dem vierten Track ‚ Less Than Thrilled ‚ eine Veränderung im Sound von Love Is All ab. Die Melodien verblüffen mit einer ungewohnten Freiheit, das enge Korsett vergangener Tage wurde abgelegt und vielleicht ist das auch die logische Konsequenz aus dem letzten Werk ‚ A Hundred Things Keep Me Up At Night ‚. Ein weitere Indiz dafür ist das verhaltene Auftreten von Görsch, der mit seinem Saxophon nur noch selten zum Einsatz gerufen wird. Fans der ersten Minuten von Love Is All wird das natürlich wenig erfreuen, wie auch wir die neue Umstellung Schade finden. ‚ Early Warnings ‚ und ‚ False Pretender ‚ werden dagegen mit lautstarker Stimme von Sparding aus dem Hintergrund unterstützt, während ‚ The Birds Were Singing With All Their Might ‚ sanft und gelassen über schwedisches Hochland streift und am Ende fast vom überraschend auftauchenden Saxophon aus der Flugbahn geworfen wird. ‚ Again Again ‚ bleibt deutlich unter den Erwartungen, während das schikanöse ‚ Kungen ‚ ab Mitte das Tempo kräftig anzieht und gleich darauf von ‚ A Side In A Bed ‚ zur Vernunft gerufen wird. Hier zeigen Love Is All noch einmal die eklatanten Erschütterungen in schizophrener Poesie. Doch fehlen besonders der zweiten Hälfte die deutlichen Verwirrungen, die raue Energie der einzelnen Bandmitglieder und die Vitalität. Die Songs werden dadurch nicht schlechter, nur in der Gesamtheit weniger einnehmender. Und es muss wohl zum großen Teil auch an der Ausgrenzung von Görsch liegen. Trotzdem bleiben Love Is All liebenswert ehrgeizig und stets potentiell ekelerregend- gefangen in der ewigen Jugend. Das ätherische Kribbeln kehrt im Jahr 2010 endlich wieder in unsere Füße zurück, das Herz klopft und gleichzeitig ist es eine Schande, das wir dieses Gefühl kinderleichten Lebens nicht für immer halten können.