Junius Paul – Ism

Wer sich zu Weihnachten eine aufsehenerregende, psychedelische Jazz-Platte gewünscht hat, wurde erhört. Denn das Debütalbum „Ism“ von Junius Paul dürfte dahingehend genau das Richtige sein. Mit siebzehn Songs purer Glückseligkeit stützt uns „Ism“ in eine andere Hemisphäre. Das Solo-Debüt des Chicagoer Bassisten mit Gästen, unter anderem Makaya McCraven, Isaiah Spencer und Tomeka Reid, präsentiert uns eine Auswahl von Free Jazz über Post-Bop bis hin zu meditativen Tondichtungen. 

„Ism“ eröffnet kühn mit dem spirituellen „You Are Free To Choose“, in dem Junius Paul neben Vincent Davis (Schlagzeug), Justin Dillard (Klavier) und Corey Wilkes (Hörner) zu hören ist. Das ist kein Zufall. In vielerlei Hinsicht fängt „You Are Free To Choose“ den Geist der künstlerischen Wurzeln von Junius Paul ein. Der Track beginnt mit allen Instrumenten auf einmal und scheint völlig anderen Pfaden zu folgen, die sich in diesem wolkigen Musikstück manchmal kreuzen, sich aber nie vermischen. So geht es bis zur letzten Minute, in der sich das Horn deutlich aus dem Track herauskristallisiert und sich prominent in die Gehörgänge legt.

Das folgende „Bow Hit“ zeigt ein nachdenkliches Solo des Saxophonisten Rajiv Halim. Es nähert sich der Stille, nur um in „Baker’s Dozen“ einzutauchen, einer schlüpfrigen Mischung aus Avant-Jazz, die mit halsbrecherischen Trommeln und G-Funk-Frequenzen durchbohrt wird. „The One Who Endures“ springt zurück in den Hard Bop und begeistert mit Paul’s rasanter Fingerfertigkeit. All dies führt zu „Spocky Chainsey Has Re-Emerged“, die Nebenerforschung eines Quartetts, das von Modal Jazz zu Fusion wechselt und auf hoher Flamme erhitzt wird. 

Nach ungefähr 13 Minuten senkt Paul die Temperatur und es entsteht ein Raum, in dem sich Orgel und Trompete abkühlen können. Gerade wenn wir glauben, dass es nun abdriften könnte, treten Turbulenzen auf, eine Sun Ra-artige Dissonanz kräuselt sich an den Rändern und Paul führt die Band wieder zurück auf den Pfad der Tugend. Von der Produktion, die so großartig und lebendig ist, bis zu den unglaublich frischen Ideen, die in einer traditionell klingenden Jazzplatte präsentiert werden, ist „Ism“ eine atemberaubende Free-Jazz-Produktion, das im Grunde genommen die gesamte moderne Jazzszene in einer zusammenhängenden Platte vereint.