Jan Delay – Wir Kinder Vom Bahnhof Soul

Oh Jonny, warum hast du dich nur so früh selbst veröffentlicht? Oh Jonny, wieso konntest du nicht in der Nähe deines großen Bruders bleiben? Oh Jonny, warum musstest du drei Wochen vor dem offiziellen Release die Radiostationen unsicher machen? Weil du so gut angekommen bist? Oder weil der letzte Gedanke wirklich entscheidend ist: Business as usual und bei Geldangelegenheiten wie diesen, wird nunmal nicht lange über den tieferen Sinn einer frühzeitigen Veröffentlichung nachgedacht. Die Radiostationen waren begeistert und die Hörer gleichermaßen. Naja zumindest die meisten, die anderen fanden die rotierende Namenswahl in der Endlosschleife einfach nur schrecklich peinlich und unangebracht. „Oh Jonny! Aber hast du kein Gewissen/ Oh Jonny! Ja, dann kannst du dich verpissen!/ Oh Jonny! Hat dein Gandhi immer Pause/ Oh Jonny! Ja dann geh mal schnell nach Hause“. Originell schreibt sich hier definitiv in anderen Buchstaben und so ist die erste Single ‚ Oh Jonny ‚ zum Album Release ‚ Wir Kinder Vom Bahnhof Soul ‚ ein Song mit verkorksten Sichtweisen, „Geh nich’ wählen! Trag Ed Hardy!/ Geh los und verkauf Crack ,Mann/ Quäl Tiere und schau Beckmann“, der nun zwischen all den aktuellen Neuwaren schnell bis auf den Boden durchplumpsen wird. Doch jetzt ist entgültig Schluss mit Jonny und wir springen unverhoffter Dinge weiter zum Opener ‚ Showgeschäft ‚ des dritten Solo-Albums von Jan Delay. Schnell wird auf den ersten Minuten klar, die Themenpalette überzeugt nach wie vor durch eine reichhaltige Auswahl mit den Grundelementen Soul und Funk. Dazu präsentiert Jan Delay eine Vielzahl an Kleinigkeiten des Alltages, singt über die Liebe, die Moral, das Leben und über all das, was die Strukturen der Songs in Ihrem Innersten zusammenhält. ‚ Ein Leben lang ‚ swingt im spanischen Flair, während ‚ Überdosis Fremdscham ‚ mit seinen funkigen Klängen durchaus seine Eingewöhnungszeit verlangt und den charismatischen Klatzkopf dorthin befördert, wo viele Ihn mit Sicherheit nie sehen wollten. Der Soul-Guru ist die Stimme Deutschlands geworden. Ein Herr der selbst von jeder neuen Platte behauptet, diese sei die geilste aller Zeiten. In Wahrheit entstand mit ‚ Wir Kinder vom Bahnhof Soul ‚ eine Allzweckwaffe, die durchaus Ihre sympathischen Seiten vorzuweisen hat. Denn sie funktioniert einfach überall, egal ob als Zuschauer bei einem der Livekonzerte, auf der Party bei Freunden, oder alleine in seiner 12qm kleinen 1-Zimmerwohnung. Ob der Hörer das nun gut finden kann oder nicht, bleibt zwar schlussendlich jedem selbst überlassen. Trotzdem hätte ein bisschen mehr Feingefühl bei den Reimen oder dem erweiterten Blickwinkel über die Latte Macchiato Tasse insgesamt nicht geschadet und lässt somit Highlights, wie das unter die Haut gehende ‚ Kommando Bauchladen ‚, recht einsam im brandneuen Schaufenster von Jan Delay vorbeiziehen.

6.5