Holly Herndon – PROTO

Wie monolithisch, rational und wertfrei künstliche Intelligenz und Automatisierung in der Zukunft sein werden, hängt gänzlich von den politischen und ethischen Entscheidungen der heutigen Mächte ab. Holly Herndon ist Klangkünstlerin und Komponistin aus San Francisco und der festen Überzeugung, dass wir diese neuen Möglichkeiten nutzen und ausloten sollten. Auf dem neuen Album „PROTO“ fragt sich Herndon deshalb, wie wir im Zeitalter des maschinellen Lernens neue Formen der kollektiven Kreativität ermöglichen könnten. Die Komponistin hat sich als im Bereich der Avantgarde-Synthesizer und der clubnahen elektronischen Musik seit jeher mit der allgegenwärtigen Beziehung zwischen Mensch und Technologie befasst.

Sie taucht auf ihrem dritten Album tiefer in die Thematik ein und vereint sich mit einer künstlichen Intelligenz namens Spawn. Es ist oft schwierig, sich bei Vorhandensein von Spawn sicher zu sein, ob es sich um anspruchsvolle Gesangseinlagen von menschlichen oder künstlichen Stimmen handelt. Unabhängig davon verwischen die vermeintlichen Grenzen zwischen ihnen durch eine charakteristisch komplizierte Verarbeitung. Diese Sequenzen veranschaulichen die Abhängigkeit der Technologie von menschlichen Eingaben und kreieren musikalisch eine leicht zugängliche Landschaft. Die Chöre im Song „Alienation“ erreichen dabei unheimlich emotionale Höhen. „Frontier“ überschwemmt dagegen die klangliche Palette von Herdon mit euphorisch anmutenden Empfindungen.

 

„PROTO“ fühlt sich viel größer an, als es die 45-minütige Laufzeit auf dem geschriebenen Blatt andeutet. Es ist großartig, schwierig, unterhaltsam, vorausschauend und schwankt permanent zwischen Ekstase und Angst – ein bemerkenswertes Kunstwerk, dass sowohl verwirrende als auch wunderschöne Songs hervorbringt.

9.0