Dawn Richard – Second Line

Es gibt viele Ideen, Texturen und Stimmungen auf SECOND LINE, die zeigen, dass DAWN RICHARD ihre eigene Kunst erforscht. Aber während die Freude, Freiheit und der Spaß spürbar sind, fühlt sich das Ergebnis etwas chaotisch an.

Dawn Richard bevorzugt für Ihr Album „Second Line“ einen üppigen und technologisch anspruchsvollen Sound, der im R&B verwurzelt ist, aber aus einer Vielzahl von Clubmusikgenres stammt. Diese Mischung aus Alt und Neu ist aus dem ersten Titel „King Creole (Intro)“ ersichtlich. Es hat den schnappenden, basslastigen, synkopierten Beat, den Blaskapellen gemeinsam haben, aber die Arrangements sind elektronisch und programmiert. In diesem Rhythmus liefert Richard einen gesprochenen Rap, der auf regionale Tanzstile hinweist, einschließlich Bounce. Wenn sie ihre Stimme für Schnellfeuerverse senkt, was sie regelmäßig in „Second Line“ tut, ist sie sowohl Performerin als auch Zeremonienmeisterin, als ob sie gleichzeitig ihre eigene Wahrheit ausdrückt und auch für die Leitung einer Partei verantwortlich ist.

Dieser frühe Ausbruch kinetischer Energie setzt sich in der ersten Hälfte des Albums fort, die auf die Tanzfläche zugeschnitten ist. „Nostalgia“ ist ein schimmerndes Eintauchen in die House Musik, sein Rhythmus ein samtiger elektronischer Glanz, durch den Richard’s verzerrte Stimme schießt. „I’m trying to find purpose but I’m lost in your circus“, singt sie, ein Gefühl, das an einen potenziellen Liebhaber gerichtet ist, der auch ihren früheren Platz im Musikgeschäft beschreiben könnte. Auf dem folgenden „Boomerang“ verstümmelt sie ihre Stimme mit einem Vocoder und die Beats sind schwerer, mit einem Knirschen, das an Daft Punk erinnert. Und „Bussifame“ ist ein rhythmisch kniffliger Song, der vorwärts und rückwärts springt und sich wie etwas Lebendiges windet.

Richard’s Texte umhüllen ein zentrales „Wir“, das sich in den Räumen zwischen sinnlichen Liebhabern, weisen alten Menschen und süßen Freundschaften bewegt. Die begleitende Musik spricht für sich selbst und füllt jeden Zentimeter des konstruierten Mikrokosmos von „Second Line“ mit dem metallischen Farbton von verschwommenen Synthesizern, hallendem Glockenspiel und dröhnendem Bass. Richard’s Stimme schwebt durch alles und überschüttet Neuankömmlinge mit einem berauschenden Dunst. Sie besitzt die Dynamik einer wahren Führerin und wechselt geschickt ihren Gesang von atemlos und euphorisch zu stark und selbstbewusst. Während Tempowechsel und Themenwechsel die Unterscheidung der Songs erleichtern, kommt die Kraft von „Second Line“ aus dem Ganzen. Sätze und Motive tauchen wieder auf, kurze Skizzen verbinden verwandte Ideen, längere Tracks werden manchmal aus zwei kürzeren aufgebaut.

Dies alles sorgt am Ende für ein unterhaltsames und unvorhersehbares Hörerlebnis – nur kann es zuweilen auch etwas chaotisch wirken.

7.1