1984 – Open Jail

Ein schwarz-weiß gestreifter Zebrakopf der auf einen menschlichen Körper gesetzt wurde, blickt trotzig und auch ein wenig nachdenklich in die Vergangenheit der Musikgeschichte zurück. Dahinter steht die Zukunft in Form von weißen Buchstaben die auf den Namen 1984 hört. Das alles mag anfänglich wenig aufschlussreich klingen, aber lässt man das Debüt der drei Franzosen ‚ Open Jail ‚ erstmal von Anfang bis Ende durchlaufen, ergeben sich interessante Einblicke in die faszinierende Welt von Etienne Nicolini, Bruno Pelagatti und Schlagzeuger Thomas Figenwald. Oder wie der Franzose gerne mal sagt:“Sacre Bleu!“, spielen 1984 einen durchgeknallten Sound mit schwindelerregenden Melodien und einer gesunden Portion Kampfeslust, die während den 42 Minuten nicht einmal nach Luft ringen muss.

Während die ersten Songs auf Ihrer MySpace in Dauerrotation liefen durfte man sich besorgt die Frage stellen ob die drei Franzosen dieses hohe Niveau auch halten oder ob sich dahinter nur leere Versprechungen verstecken würden. Das ‚ Cache-Cache ‚ der beste Ihrer Songs sein wird war nicht schwer zu erraten. Ein wahres musikalischen Labyrinth mit irrwitzigen Gitarrensolis, einem schwindelerregenden Auf und Ab mit dahinjaggenden Percussions und einer starken Stimme von Etienne Nicolini sorgte für einen Hype, den auch die Blood Red Shoes in sich aufzogen und die Band kurzerhand als Support mit auf Tour durch Europa nahm. Ja die drei Franzosen machen mit Ihrem Debüt richtig ernst und nicht von ungefähr erinnert Ihr Bandname an den Literaturklassiker George Orwells, der die totalitäre Gesellschaft einer nahen Zukunft beschreibt. Doch auch wenn sich 1984 der düsteren Erzählertradition verpflichtet fühlen, haben sie mit den kettenrauchenden und früh sterbenden Chansonniers alter Schule so gar nichts gemein. Denn hier steht an erster Linie der Wave mit den Vorbildern, wie könnte es auch anders sein, Joy Division.

Verstecken brauchen sich die jungen Franzosen aber hier in keinster Weise vor den Großen der Musikgeschichte, schneidend, treibend, episch und kompromisslos türmen 1984 aus dem Gefängnis des Rock´n´Roll Konformismus aus. Mit einem mehr als reichen Proviant an hypnotischen Sounds die mal eben mit Country und Rockabilly gekreuzt werden entstehen daraus Nummern wie ‚ L Homme Aux Os ‚ oder ‚ Desert Dancers ‚ das wunderbar in die ausgelassene Atmosphäre eines Westernsalons heutiger Tage passen würde. ‚ Baikal Amour Magistral ‚ sorgt nach dem eher schwer verdaulichen Stück ‚ The Missing Voice ‚ für Erleichterung in den Songstrukturen und verpasst dem Hörer besonders mit dem Gitarrensoli am Schluss, eine weitere Runde durchdrehendes Herumgehüpfe ohne Rücksicht auf Verluste. Ebenso geht es weiter, ohne vorzuwarnen sieht man sich in einem spanischen Toreo wieder, dumpfe vor sich in grummelnde Bassläufe stimmen auf den anstehenden Kampf ein bis sich die Gitarren mit voller Wucht entladen.

Der Startschuss ist gefallen und die nervenaufreibensten fünf Minuten eines jeden stehen bevor. Ob man nun als Gewinner oder Verlierer aus der Arena geht bleibt jedem selbst überlassen, zeit zum nachdenken hat man allemal, denn ‚ The Wait ‚ gibt zu Anfangs großzügig die Möglichkeit dazu. Erst zur Mitte hin entfaltet sich dieser Song zu seiner vollen Stärke und reißt mit seinen verdammt fordernden Drums den Hörer gnadenlos mit sich in die Missstände dieser verlorenen Welt. ‚ By Dint ‚ zieht den Schlussstrich und das Resümee unter elf fantastische Songs mit kaum wahrnehmbaren Schwächen und einer Band die ein dickes Ausrufezeichen unter Ihren Namen setzt. Ebenso erfreulich ist auch die Tatsache, dass es sich hierbei ausnahmsweise um keine englische Besetzung handelt sondern vielmehr um 1984, ein Trio aus dem schönen Nachbarland, dass den Rock´n´Roll in Frankreich wieder zum Proddeln gebracht hat.