Tori Amos – Night of Hunters

Experimental, VÖ: September 2011
NIGHT OF HUNTERS ist ehrgeizig, aber auch persönlich – nicht im konfessionellen Sinne, sondern musikalisch. TORI AMOS teilt sich den Gesang in vier Tracks mit ihrer 11-jährigen Tochter Natashya Lorien Hawley, und auch ihre Nichte Kelsey Dobyns tritt auf.

Tori Amos ist eine als Popstar getarnte Konzeptkünstlerin. Seit fast zwei Jahrzehnten meistert diese Vielgestalterin Liedformen und entfaltet in ihren komplizierten Kristallkisten ganze Sagen – über Religion und Mythos, Geschlecht und Sexualität, kosmische Konflikte und ihre eigene innere Entwicklung. Jedes Projekt, das sie in Angriff nimmt, basiert auf einem neuen Leitprinzip, einer formalen oder thematischen Innovation, die Tori Amos dabei hilft, ihre großen Ideen auf eine Weise auszudrücken, die sowohl herausfordernd als auch musikalisch verlockend ist. Ein Teil dessen, was Amos zu einer so unverwechselbaren Songwriterin macht, ist ihre Verwurzelung in der klassischen Musik. 

Mit 6 Jahren begann sie als jüngste Studentin, die jemals in ihr Programm aufgenommen wurde, ihre Ausbildung am Peabody Institute in Baltimore. Selbst als sie sich zu neuen Kombinationen aus Rock, Folk, Kabarett und Top-40-Pop drängte, behielt Amos das klassische Repertoire in ihrem Unterbewusstsein. Die Erinnerung daran taucht in all ihrer Musik auf. Deshalb ist „Night of Hunters“ keine überraschende Leistung von Amos. Tatsächlich passt das Klischee: Dies ist das Album, das sie aufgrund ihrer frühen Ausbildung und spirituellen Affinität aufnehmen sollte. Zum Glück erfordert ihr „klassischer Liederzyklus“ auch klanglichen Ehrgeiz: 

Dass Amos ihre eigenen Lieder so geschickt in Variationen klassischer Stücke einbinden kann, zeugt von ihrem Talent, und die Arrangements für Klavier, Streicher und Holzbläser von „Night of Hunters“ klingen oft genauso schön wie frühere Orchesterexperimente wie „Yes, Anastasia“. Das herzzerreißende Drama des eröffnenden Tracks „Shattering Sea“ kommt sogar an die Intensität dieses Karriere-Höhepunkts heran. Aber die Erzählung des Albums – keltische Laune trifft auf Eheberatung – ist überdacht und zieht Amos‘ Texte oft in abscheuliches Terrain, und der Großteil davon wird eher der Lösung als dem Aufbau gewidmet.

Egal, wo der eigene Musikgeschmack liegt, „Night Of Hunters“ zeigt Amos auf ihrem stimmlichen und musikalischen Höhepunkt, ein großartiges Konzert, auf das alle all die Jahre gewartet haben. Amos wird immer als jenseitige Chanteuse dargestellt und nimmt das Skurrile frontal mit emotionaler Hartnäckigkeit und technischer Brillanz auf.

8.0