The 1975 – Being Funny In A Foreign Language

Rock, Oktober 2022
Auf vier ausgedehnten, genreübergreifenden und zutiefst inspirierenden Alben scheinen The 1975 fast alles versucht zu haben. Was um alles in der Welt könnte als nächstes kommen? Die Antwort ist ihre bisher kürzeste Platte.

Extravagante Ekstase und subtile Einfachheit existieren im Tandem und wechseln zwischen der reinen Glückseligkeit, die auf Tracks wie dem Jazz-Pop-Wunder „Happiness“, den 80er-getränkten Nummern „Looking For Somebody (To Love)“ und „Oh Caroline“ oder der euphorischen Single „I‘m In Love With You“ stehen und Platz neben der reduzierten Klarheit der Elbow-artigen Folk-Rock-Nummer Part of the Band oder der sanften Ballade „All I Need To Hear“ finden. „Wintering“, ein Weihnachtslied, das für ihr „Drive Like I Do“-Projekt gedacht war, und das hinreißend dunstige „About You“ gehen diese Linie behutsam an, wobei sie sich besonders nostalgisch an eine frühere Inkarnation von The 1975 anfühlen, während sie immer noch ihren modernen Sinn für Erhabenheit bewahren.

Der mittlerweile traditionelle selbstbetitelte Einführungstrack ist normalerweise ein guter Indikator für die aktuelle Ästhetik der Band, aber hier ist er zumindest musikalisch ein Ablenkungsmanöver. Ein unbestreitbar spannender Start, dessen Zentrum ein minimalistisches, Cage’sches Piano-Motiv ist, das wie eine immer stärker werdende magnetische Anziehungskraft wirkt und jedes Instrument im Studio in seine Umlaufbahn zieht. Textlich ist es eine Mischung aus Healy-Themen der letzten Tage und einem defätistischen Update der 2018er Single „Give Yourself a Try“. Inmitten der modernen Überwältigung des Tracks spielt Healy den ernsthaften Jungen mit weit aufgerissenen Augen und gibt seine entschuldigende Weisheit weiter (“I’m sorry about my twenties I was learning the ropes… I’m sorry if you’re living and you’re seventeen”) und es ist wirklich bewegend.

Natürlich wissen Healy und die Band, die von Produzent und Schlagzeuger George Daniel, Gitarrist Adam Hahn und Bassist Ross MacDonald abgerundet wird, dass es nicht das eine oder das andere sein muss. Ihre letzten drei Alben haben ihre einzigartige Stimme in der Pop- und Alternative-Rock-Welt aktiv verdoppelt und sind zu triumphalen und persönlichen Erkundungen dessen geworden, was es bedeutet, eine große Popband in einer so lauten Landschaft zu sein. Für ihr fünftes Album ist die Band weniger daran interessiert, den Soundtrack zur Apokalypse zu dirigieren, als vielmehr in der beruhigenden Grauzone ihres vorherigen Werks aus dem Jahr 2020 neue Kraft zu schöpfen.

7.1