St. Vincent – Marry Me

Indie Pop, VÖ: Juli 2007
Mit ihrem unschuldigen, erschöpften Blick auf dem Cover von MARRY ME scheint sie so süß zu sein. Rehäugig und verletzlich und doch so charmant, wie könnte man ihr widerstehen? Aber andererseits….unter jeder Decke verbirgt sich ein Geheimnis. Und so hat auch ST. VINCENT, oder besser bekannt als Annie Clark, eine etwas finsterere Seite.

Bei Musik wie dieser gilt es Kostbarkeit und Genuss zu besiegen. Zweifellos würden Annie Clark’s Macken und Exzentrizitäten in weniger guten Händen das St. Vincent-Projekt von Anfang an zu einem No-Go machen. Aber auf Schritt und Tritt geht „Marry Me“ den anspruchsvolleren Weg, bereits verdrehte Strukturen und ungewöhnliche Instrumente zu verdrehen, damit sie vollkommen natürlich und, was am wichtigsten ist, leicht zu hören sind, während sie ihre aufregende Vision sui generis in lebendiges Leben überspielt. „Marry Me“ gleitet mit hauchdünnem Gesang und verspricht Güte und Süße, um von Annie’s Abwesenheit abzulenken. Wie bei „Now, Now“ ist die klangliche Auflösung für die lyrische Wendung verantwortlich.

„Paris Is Burning“ teilt das Album praktisch in zwei Hälften und ist wahrscheinlich sein dramatischster Moment. Es enthält Elemente eines historischen Dramas und könnte gut an den Broadway passen. Und doch ist es noch gar nicht so lange her, dass Teile von Paris tatsächlich in Flammen standen. An dieser Front scheint Clark unklar zu sein, was ihre Politik angeht. Die Phrasen „rejoice revolting“ und Tanz auf der Asche des „fair Paris“ sind eher Karikatur als Kommentar. Wenn sie sich auf die Unruhen bezieht, und es ist schwer vorstellbar, dass sie das nicht beabsichtigt hat, dann ist ihre Romantik die glänzende Fassade der bequemen Linken, weit entfernt vom Konflikt.

Auf dem anschwellenden „All My Stars Aligned“ lächelt sie über das benommene Rinnsal des langjährigen Bowie-Pianisten Mike Garson, „to keep the sky from falling down“. Vor fünfzig Jahren hätte es ein Lied von Patsy Cline sein können. Am Ende könnte „Marry Me“ von vielen geliebt und von anderen verabscheut werden – es wird keinen Mittelweg geben.

8.0