Shirley Collins – Archangel Hill

Folk, VÖ: Juni 2023
ARCHANGEL HILL ist eine weitere lebensbejahende Begegnung mit einer bemerkenswerten Künstlerin. SHIRLEY COLLINS ist zwar eine Königin der britischen Folkmusik, aber diese Platte zeigt einmal mehr ihre Fähigkeit, mit uns zu kommunizieren, als wären wir die einzigen Menschen im Raum.

Shirley Collins ist eine Inspiration. Die mittlerweile 87-jährige englische Folksängerin genießt mit ihrer dritten Veröffentlichung für Domino einen Indian Summer. „Archangel Hill“ ist ein Familienalbum mit Beiträgen von Schwester Dolly und – indirekt – Shirley’s Stiefvater. Der Titel ist der Name, den er Caburn in der Nähe von Collins‘ Haus in Lewes, Sussex, gegeben hat. Der Hügel ziert das Cover der Platte, ein bezauberndes Gemälde von Peter Messer, das die kommenden Outdoor-Erinnerungen widerspiegelt. Denn es ist auch ein Album, mit dem man das Open Air zelebriert – doch dabei bringt der intime Gesang die privatesten Gefühle zum Vorschein.

Collins singt mit einem Glitzern in den Augen und dem Wind in ihren Haaren, ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, ist mühelos und magisch zugleich. Man wird sich unbewusst der Musik zuwenden, so fesselnd ist ihre Darbietung – und es bedarf nur einer Zeile von „Fare Thee Well My Dearest Dear“, um den Zauber zu entfesseln. Nach einer 38-jährigen Pause war die Wiederherstellung der stimmlichen Fähigkeiten der englischen Folk-Sängerin zunächst zögerlich, aber hier segelt sie mit all dem Elan, den eine 87-Jährige aufbringen kann, durch eine Reihe traditioneller Lieder. 

Ihre Stimme ist nicht mehr so fröhlich wie früher – um uns an ihre lebhaften jungen Jahre zu erinnern, ist ein Live-Auftritt aus dem Jahr 1980 enthalten – aber ihre verwitterten Töne sind von ungezwungener Ernsthaftigkeit. „Archangel Hill“ liegt genau an der Schnittstelle von Geschichte, Familie und Ort und hat eine unbestreitbare emotionale Ladung. Collins sagte, was sie zur traditionellen Folkmusik hingezogen hat, waren die Lieder, die die Geschichten der arbeitenden Menschen erzählten, und ein Hören von „Archangel Hill“ bestätigt dies, und wenn sich unsere Kultur verändert hat, haben sich die Emotionen, die sie hier zum Ausdruck bringt, nicht verändert. 

Collins hat angedeutet, dass „Arangel Hill“ ihr letztes Album sein könnte, und es wäre vielleicht schade, wenn das wahr wäre, aber ihr spätes Schaffen hat ihr Talent und ihre bleibende Bedeutung wohl besser unter Beweis gestellt als ihre letzten LPs aus den 1970er Jahren. „Archangel Hill“ dokumentiert eine einzigartige Künstlerin mit einer enormen Beherrschung ihrer Talente – keine geringe Leistung für jemanden, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 87 Jahre alt ist.

7.9