Sally Potter – Pink Bikini

Folk, VÖ: Juli 2023
Obwohl diese Lieder von SALLY POTTER eindeutig in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort angesiedelt sind, gibt es Parallelen zu heute.

Das als „semi-autobiographical“ Liedersammlung neue Album beinhaltet Musik und Texte von Sally Potter und basiert auf den Erfahrungen der Filmemacherin, als sie als junge Frau im London der 1960er Jahre erwachsen wurde, als „young rebel“ und Aktivistin. Die musikalischen Arrangements auf dem Album umfassen Werke des Gitarristen Fred Frith, der schon lange mit Potter an ihren Filmmusiken zusammenarbeitet. Potter ist vor allem für ihre Regiearbeit bei Spielfilmen wie „Orlando“ aus dem Jahr 1992, einer Adaption des klassischen Romans von Virginia Woolf mit Tilda Swinton, und „Ginger & Rosa“ (2012) mit Elle Fanning bekannt. Potter hatte eine Musikkarriere, die vor ihrer Arbeit im Kino begann. In den 1970er Jahren war sie Mitglied der Feminist Improvising Group, einer Avantgarde-Band, die ausgiebig durch Europa tourte.

Potter trat auch mit dem Film Music Orchestra auf und arbeitete (als Texterin) mit Lindsay Cooper an dem Album „Oh Moscow“ zusammen, wobei sie 1989 in der UdSSR und Ostberlin auftrat, bevor die Mauer fiel. „Pink Bikini chronicles some of the key moments of the turbulent female years of transition from childhood to young adulthood that I experienced growing up in the 1950s and 60s in London“, sagte Potter. Es gibt Geschichten über das Verlieben, die Erforschung der Sexualität und den Protest gegen die Bombe. Diese Geschichten sind nur minimal untermalt, wobei Potter’s Stimme manchmal an Marianne Faithfull oder Françoise Hardy erinnert. Vielen Songs liegt nicht nur aufgrund der strengen Arrangements eine zutiefst melancholische Note zugrunde. 

Potter legt die Unsicherheiten und Ängste der Jugend offen – hier gibt es kein Baden im warmen Schein der Nostalgie. In der Tat sind einige der Tracks fast erschütternd: Insbesondere im Titeltrack kauft eine 16-jährige Potter im Urlaub einen rosa Bikini und wird dann von den einheimischen Jungs als „whore, slag“ abgestempelt. „I thought that’s what you do, if you’re 16, in a bikini“, heißt es in einem besonders ergreifenden Satz, der durch Potter’s tonlosen Vortrag noch wirkungsvoller wird. Sogar in den freizügigen 60er-Jahren schien das „Slut-Shaming“ leider noch am Leben zu sein. Diese 12 Songs bieten eine schonungslose Ausgrabung jugendlicher Gefühle, gegossen in einer postmodernen Darbietung der Musikrichtungen, von denen man sich einen ernsthaften, stilbewussten Teenager der 60er Jahre vorstellen kann: 

Stimmungsvoll orchestrierte Folk- und Protestlieder, die mitreißende und romantische Chanson-Tradition, Jazz von Charlie Parker und Billie Holiday und die eher konzeptionellen Werke britischer Invasionsbands wie The Animals und The Beatles. Im Laufe eines kompletten Albums tendieren Potter’s Gesänge manchmal dazu, etwas zu manierlich zu sein, und es stimmt, dass einige der Arrangements manchmal etwas eintönig wirken können. Doch wenn man bedenkt, dass es sich um ein Debütalbum einer Künstlerin handelt, die vor allem für ein völlig anderes Medium bekannt ist, ist „Pink Bikini“ für Sally Potter ein außergewöhnlicher Richtungswechsel.

7.0