ROSALÍA – EL MAL QUERER

PopR&B, VÖ: November 2018
Die größte musikalische Begabung von ROSALÍA ist, wie sich auf diesem Album zeigt, ihr wunderbar flexibler und kontrollierter Gesang, der jedem Track stets das nötige Herz und die nötige Seele verleiht.

Vor nicht allzu langer Zeit wäre das zweite Album einer katalanischen Sängerin in den Zwanzigern, die den Klang des Flamenco revolutionieren sollte, automatisch an den Rand gedrängt worden. Stattdessen bekommt Rosalía’s „EL MAL QUERER“ das, was man sozusagen als Popstar-Behandlung bezeichnen könnte: Veröffentlichung bei einem großen Label und nicht bei einem kleinen Spezialverlag, Werbung mit einer Auswahl teuer aussehender Videos und Aufmerksamkeit, die von Dua Lipa bis Pharrell Williams reicht. „EL MAL QUERER“ ist weniger streng als sein Vorgänger, dafür aber noch sympathischer. „Los Ángeles“ hielt sich unter sorgfältiger Anleitung des Produzenten Raul Refree eng an die Strukturen des Flamenco. 

„EL MAL QUERER“ lässt sich freier treiben und erfordert weniger Verständnis für eine bestimmte Musiktradition, was zum Teil der Produktion von Pablo Díaz-Reixa zu verdanken ist, den manche Hörerinnen möglicherweise durch die Alben kennen, die er unter dem Namen El Guincho veröffentlichte. Während Rosalía energische, zitternde Zeilen über Eifersucht, Verzückung und romantische Qual singt, gibt es in „PIENSO EN TU MIRÁ“ Fluten festivaltauglicher elektronischer Bässe und in „DE AQUÍ NO SALES“ verklingende Zeilen mit in der Tonhöhe veränderten Gesänge. 

Die Erzählung des Albums basiert auf The Romance of Flamenca, einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert über eine Frau, deren Liebhaber sie in einem Turm einsperrt – „el mal querer“ kann mit so etwas wie „das böse Verlangen“ übersetzt werden. Vielleicht ist dies eine trotzige Erwiderung an diejenigen, die sich gegen eine Neuinterpretation eines veralteten Stils sträuben. In „RENIEGO“, das auf einer klassischen Flamenco-Melodie basiert, ist die Inszenierung reduziert, und ihre Sopranistin explodiert wie ein Feuerwerk, elektrisch und elastisch, die Qual und der Sog zerstörerischer Romantik durchströmen sie.

„EL MAL QUERER“ ist knackig, 30 Minuten lang und ist eindeutig als Konzeptalbum gedacht – jeder Titel ist mit einer Kapitelnummer und einem Untertitel versehen – auch wenn es weder eine Übersetzung noch fließende Spanischkenntnisse gibt, bleibt das Konzept ein Rätsel. Es spielt keine Rolle: Diese Musik ist kraftvoll und abenteuerlich genug, um uns zu fesseln, ohne dass man ein Wort davon verstehen muss. Ob es die Art von Publikum ansprechen wird, die sich bisher für Latin-Pop interessiert hat, ist eine andere Frage: Selbst in seiner geradlinigsten Form ist es nicht besonders geradlinig. Doch bleibt es ein abenteuerlicher Streifzug und täuschend hübsch.

8.9