Romy – Mid Air

Electronic, VÖ: September 2023
ROMY – vor allem als Co-Sängerin und Gitarristin der einflussreichen Band The xx bekannt – ist sich bewusst, dass scheinbar einfache Texte im Kontext eines pulsierenden Tanzliedes äußerst tiefgründig klingen können.

Romy’s Debüt-Soloalbum erscheint fast drei Jahre nach „Lifetime“, einer euphorischen Single, die ihre Club-taugliche Richtung vorgab, die es aber jetzt nicht in die endgültige Fassung schafft. Manchmal deutet diese Art der langen Entwicklung auf kreative Zögerlichkeit oder sogar Verwirrung hin, aber „Mid Air“ weist keine Spur von Unsicherheiten auf. Konzipiert als „love letter“ an die queeren Clubs, in denen die in London geborene Romy als Teenager aufblühte, ist es ein nostalgisches, aber frisches Dance-Album, das eine tiefe Quelle von Gefühlen erschließt. Unter anderem von Stuart Price produziert, der vor allem für Madonna’s tanzlastiges „Confessions On A Dance Floor“ aus dem Jahr 2005 bekannt ist, verkörpert es den sorglosen Hedonismus der Jahrhundertwende. Zusammen mit den Produzenten Fred, Stuart Price und dem langjährigen Kollegen Jamie xx liefert Madley Croft ein umwerfendes Debüt ab. 

Der zarte Eröffnungstrack „Loveher“ gibt den Ton für das Album vor, während sie singt: „Dance with me shoulder to shoulder / Never in the world / Have two others been closer than us.“ Sofort ist die Nähe spürbar und der Ort fixiert. „Mid Air“ ist voller hymnischer Singles wie dem Beverly Glenn-Copeland-Sampling „Enjoy Your Life“ und sprüht vor Optimismus, Melancholie, Hoffnung und Selbstbeobachtung. Das heißt nicht, dass Madley Croft nicht gleichermaßen die Tiefen der Trauer erforscht („Strong“) oder über die schwierigeren Fragen der Identität nachdenkt („Twice“) – ihre Fähigkeit, Verletzlichkeit in basslastige Banger zu verweben, spricht für die Einzigartigkeit ihres Talents. Es wirkt zu keinem Zeitpunkt kitschig, sondern wirkt frisch und, was vielleicht am wichtigsten ist, es macht Spaß.

„Mid Air“ ist am fesselndsten, wenn es darum geht, wie Liebe jemanden verändert und wie sich die Liebe selbst durch ihre Höhen und Tiefen verändert. Die Höhen fühlen sich im Vergleich zu den unsicheren Tiefen umso hinreißender an, und Romy kombiniert beides auf brillante Weise im sonnigen Schlussstück „She’s On My Mind“ mit einer Wendung, die es zu einem Happy End macht, das einer romantischen Komödie würdig ist. Romy war vielleicht das letzte Mitglied von The xx, das ein Soloalbum veröffentlichte, aber das Warten hat sich gelohnt: Viele dieser Songs werden einem Tränen in die Augen schießen – ein sicheres Zeichen dafür, dass Romy die heilende Kraft einer überfüllten Clubfläche wirklich zu schätzen weiß.

8.5