Maya Shenfeld – Under the Sun

Alben der WocheAmbient, VÖ: März 2024
Die sich langsam entwickelnden und hypnotischen Stücke von MAYA SHENFELD nutzen geschickt Wiederholung, Raum und Stille, um mit unserem Zeitgefühl und unserer Beziehung zu unserer Umgebung zu spielen.

Ein unheilvolles Gefühl der Größe, das auf den bevorstehenden Untergang eines Imperiums hindeuten könnte. Trostlose Strukturen, deren Schatten kühn und starr auf dem Boden darunter liegen. Unwirtliche, fremde Landschaften mit Schönheit unter der Oberfläche, eine Welt, die noch existieren könnte. All diese Dinge und noch mehr kommen einem in den Sinn, wenn man Maya Shenfeld’s neuestes Album hört, eine Sammlung elektronischer Ambient-Stücke, die von der Bedrohung durch den Klimawandel inspiriert sind. Maya Shenfeld’s expansive, kaleidoskopische Musik ist ebenso aufschlussreich wie exquisit. Die kraftvollen Klänge des Albums wurden in den letzten zwei Jahren in einem Studio in Berlin und vor Ort in einem der tiefsten Marmorsteinbrüche der Welt in Portugal komponiert und produziert.

Unter dem eindrucksvollen Titel „Under the Sun“ befindet sich ein Auszug aus einem Sprichwort „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ von Kohelet (Prediger) im Alten Testament. Shenfeld führt aus: „It’s an unusual book within the Old Testament that isn’t so much preoccupied with god or religion but rather reflects on life’s impermanence and the pursuit of meaning amidst change and uncertainty… this image of the Sun as a force of stability, change, and tension really stuck with me.“ Shenfeld’s Textauszeug schafft eine Distanz zwischen der stoischen Philosophie des Sprichworts und dem Beweis, dass dies eindeutig nicht der Fall ist, insbesondere in Bezug auf das Klima. Unsere Umwelt ist mehr als nur ein abstraktes Thema, sie ist mit der klanglichen DNA von „Under the Sun“ verwoben.

„Under The Sun“ beginnt mit den dröhnenden Holzbläserklängen von „A Guide For The Perplexed“, einer nachklingenden Melodie, die viel zu undurchschaubar ist, um einer Dur- oder Moll-Tonart zu entsprechen, zu der sich nach und nach säuerliche Synthesizer-Töne und diskordantere Noten zu einem vorübergehenden, wogenden Gemisch gesellen. Ähnliche Schwingungen finden sich in den Portamento-Akkorden von „Geist“ oder dem entsprechend stürmischen Arrangement von „On Its Rounds The Wind Returns“, Texturen, die nicht ganz rau sind, aber dennoch Gefühle der Sorge und sogar des Schreckens hervorrufen. In „Light, Refracted“ kommt es zu einer wunderbar dramatischen Tonverschiebung. 

Vergängliche Stimmen, als wären sie aus einer anderen Welt, brechen hervor, bevor sie drohnenartigen Synthesizerakkorden weichen, die die Angst verstärken. Und wenn der Eröffnungstrack eine Übung in meditativen Melodien war, geht es bei „Tehom“ darum, unter die Haut zu gehen und ein Gefühl des Unbehagens zu erzeugen. Während „Under the Sun“ sucht Shenfeld nach einer metaphysischen Metamorphose in den Köpfen der Zuhörerinnen. Sie versucht, ihr eigenes Leben zu gestalten, indem sie versucht, das, was derzeit ist, zugunsten dessen, was sein könnte, zu verwerfen. Maya Shenfeld’s überragende Leistung besteht darin, eine hochwirksame polemische Platte ohne Worte zu schaffen, deren Musik alles sagt, was gesagt werden muss.

9.3